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Sexismus-Debatte im Netz: Der #Aufschrei geht weiter

Im Internet formiert sich nach den Vorwürfen gegen Rainer Brüderle weiter Protest gegen Sexismus im Alltag. In einem Blog schildern Hunderte Nutzer ihre Erfahrungen: Wenn der Kollege mit dem „besten Stück“ droht.

Unter dem Hashtag"#aufschrei" berichten Frauen auf Twitter von eigenen Erfahrungen mit Sexismus. Quelle: dapd
Unter dem Hashtag"#aufschrei" berichten Frauen auf Twitter von eigenen Erfahrungen mit Sexismus. Quelle: dapd

DüsseldorfWer geglaubt hat, dass die Debatte um Sexismus im Alltag nichts als ein Strohfeuer ist, hat sich geirrt. Mehr als vier Tage nachdem erste Twitter-Nutzerinnen ihre Erfahrungen mit sexistischen Vorfällen im Alltag schilderten, ist der „Aufschrei“ noch lange nicht verhallt.

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Nach dem Wochenende und Günther Jauchs Talkshow in der ARD, die sich mit der Sexismus-Diskussion beschäftigte, ist das Thema auch im Internet wieder hochgekocht. Die 25-jährige Studentin Nicole von Horst, die unter ihrem Namen @vonhorst am Donnerstag den ersten Tweet zum Thema veröffentlichte, hat inzwischen den Blog „Aufschreien gegen Sexismus” eingerichtet.

Grundregeln für die Büro-Beziehung

  • Tratsch und Klatsch

    Flirten Sie nicht ganz so ungehemmt wie sonst. Jede Firma hat ihren Tratsch und Klatsch und Ihrer beruflichen Reputation wird es nichts nützen, wenn Sie die Medaille für den „Flirt des Jahres“ bekommen.

  • Zurückhaltung, bitte!

    Wenn Sie gezielt auf der Suche nach kurzfristigen Affären sind, so suchen Sie sich lieber ein anderes Spielfeld dafür.

  • Keine Vorteile

    Verschaffen Sie sich durch einen Flirt oder eine Beziehung keine Vorteile am Arbeitsplatz.

  • Bleiben Sie professionell

    Bleiben Sie auch in einer Beziehung professionell und behandeln Sie den anderen im beruflichen Kontext als Kollegen, Einkäufer, Dienstleister oder was auch immer und nicht als Partner. Wenn Sie das nicht schaffen, weil Sie dann zum Beispiel nicht so hart verhandeln können, dann lassen Sie sich in diesen Situationen vertreten oder Sie lassen sich ganz versetzen.

  • Missverständnisse vermeiden

    Lassen Sie besondere Vorsicht und Sorgfalt walten, wenn es sich um einen Flirt und vielleicht mehr mit einem Vorgesetzten oder Untergebenen kommt. Hier ist es besonders wichtig, von vornherein dafür zu sorgen, dass es keine Missverständnisse gibt und sich Dienstliches nicht mit Privatem vermischt.

  • Händchen halten

    Achten Sie auch in einer besonders verliebten Phase auf Ihre Kommunikation und Ihr Verhalten vor Kollegen. Händchen haltenden Kollegen sind nicht unbedingt gerne gesehen.

  • Auf die Arbeit konzentrieren

    Denken Sie daran, dass es Ihre bezahlte Arbeitszeit ist, die Sie im Unternehmen verbringen und dass Sie sich selbst große Probleme bereiten können, wenn Sie zu oft im Gespräch mit Ihrer neuen Liebe gesehen werden. Bedenken Sie auch, dass Ihre E-Mails gelesen werden könnten!

  • Zum richtigen Zeitpunkt öffentlich machen

    Überlegen Sie gut, wann ein geeigneter Zeitpunkt ist, die Kollegen darüber zu informieren, dass Sie nun ein Paar sind. Warten Sie auf jeden Fall einige Zeit ab, bis Sie diesen Schritt tun. Sie beide sollten sich sicher sein, dass Sie nun in einer festen Beziehung sind. Dann ist es auch wichtig, sich dazu zu bekennen, um eventuelle Gerüchte nicht erst aufkochen zu lassen und auch vorzubeugen, dass man Ihnen Interessenskonflikte vorwerfen könnte.

  • Gefühle sind Privatsache

    Sprechen Sie mit Kollegen nicht ausführlich über Ihre Beziehung und Ihre Gefühle – weder in einer frisch verliebten Phasen, noch wenn Sie sich doch trennen sollten. Bleiben Sie professionell, lächeln Sie und biegen Sie das Gespräch in eine andere Richtung, falls die Fragen zu hartnäckig sind.

  • Kommen und gehen

    Achten Sie darauf, nicht zusammen zu kommen und zu gehen, wenn Sie noch kein offizielles Paar sind.

  • Arbeitsessen oder Date?

    Sorgen Sie auch bei sich selbst dafür, dass Ihnen in einer Phase des Kennenlernens klar ist, ob Sie nun ein Arbeitsessen oder ein „Date“ haben.

  • Betriebsfeste

    Weihnachtsfeiern oder andere Betriebsfeste sind keine gute Möglichkeit, nach einigen Gläsern Wein all seinen Mut zusammen zu nehmen und vor der reizenden Kollegin aus der Buchhaltung auf die Knie zu sinken um ihr endlich zu sagen, wie wunderbar sie ist.

  • Die Zeit nach der Beziehung

    Bedenken Sie bei einer Beziehung im beruflichen Umfeld immer deren mögliche Endlichkeit (auch wenn das nicht sehr romantisch ist), schließlich wird inzwischen rund jede zweite Ehe geschieden. Das Haltbarkeitsdatum für Beziehungen ist also zumindest im Durchschnitt noch kürzer. Bedenken Sie einfach die Konsequenzen, was das für Konsequenzen für Sie, Ihren Beruf und Ihre Karriere hat, wenn Sie Ihre Beziehung nun öffentlich machen und diese in sechs Monaten wieder zu Ende ist. Die Erfahrung lehrt, dass Frauen meist den Kürzeren ziehen und mit negativen Folgen rechnen müssen.

    Quelle: Nandine Meyden, „Karrierekiller. Versteckte Fallen auf dem Weg nach oben“, Berlin 2011, ISBN: 978-3-430-20118-6

Die Möglichkeit, sich ohne 140-Zeichen-Begrenzung über das Thema auszutauschen, kommt offenbar gut an: Am Montagvormittag zählte die Plattform weit über 600 Einträge. Die Erfahrungsberichte im Blog reichen von der unangenehmen Annäherung des Vorgesetzten auf der Arbeit bis hin zum Missbrauch durch den eigenen Vater, von dem Nutzerin „Marita” berichtet. Eine andere Frau beschwert sich unter dem Pseudonym „Dine“ über den Angestellten im Handwerksbereich, „der über mein Unterarmtattoo mit der Hand streicht und fragt ‚Wofür steht das denn?‘“.

#aufschrei bei Twitter

Tanja“ bezeichnet einen ehemaligen Kollegen als „ekelhaften Typ“, der ihr eines Tages in der Küche drohte, „gleich sein bestes Stück aus seiner Hose zu holen“. Nutzerin „Julia“ berichtet gleich von mehreren Vorfällen, die sie erst jetzt nach dem Aufschrei gegen Sexismus ernst nimmt. Dazu zählt „die fremde Hand, die im Whirlpool anfing, mich anzutatschen.“

Besonders erschreckend ist, dass viele Frauen schon in jungen Jahren mit Sexismus konfrontiert wurden, was sie zum Teil über Jahre hinweg geprägt hat. Aber längst nicht nur Frauen machen ihrem Ärger in dem Blog Luft, auch Männer melden sich zu Wort. „David” etwa bedankt sich für die Plattform, „sehr gut, dass ihr das macht“, und ergänzt, dass viele Vorfälle zwar nicht ihm, dafür aber seinen „allernächsten Angehörigen“ passiert sind.

Nach Brüderle-Vorwürfen Der ganz alltägliche Sexismus

Auf Twitter berichten Frauen über ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus.

Und auch die Twitter-Nutzer beschäftigt die Sexismus-Debatte weiter. Am Montag fand sich der Hashtag #Aufschrei wieder unter den meistdiskutiertesten Twitter-Themen in Deutschland. Unter anderem macht die Bildergalerie„Rainer Brüderle looking at girls“ die Runde, die den FDP-Politiker mit verschiedenen Frauen zeigt.

Für @JohannesFinke hat sich durch die seit Tagen laufende Debatte schon etwas geändert: „Mann wird sich nicht mehr verstecken und entschuldigen können. Frau nicht mehr müssen. Danke #Aufschrei“.  Nutzer @soft_coeur reichen Berichte von Betroffenen dagegen nicht aus, um etwas zu verändern: „Wird mal Zeit für Handlungen“, fordert er kritisch.

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