Sicherheitsstandards
Schweden bittet IAEO nach AKW-Pannenserie um Hilfe

Mit der Bitte reagiert Schweden auf eine Reihe von Störfällen in mehreren der insgesamt zehn schwedischen Reaktoren, die seit vergangenem Sommer zu diversen Reaktorstopps geführt hat.

STOCKHOLM. „Wir erhalten wertvolle Tipps und Ratschläge, wie wir was verbessern können“, begründete Jan Edberg, Chef des Kernkraftwerks in Forsmark, nördlich von Stockholm, die Einschaltung der IAEO. In seinem Werk hatte sich im vergangenen Juli einer der bislang schwersten Zwischenfälle in einem schwedischen Atomkraftwerk ereignet, als nach einem Kurzschluss mehrere Notstromaggregate ausgefallen waren und so die Notkühlung des Reaktorkerns erst mit einiger Verspätung vorgenommen werden konnte.

Der jüngste Zwischenfall ereignete sich am vergangenen Freitag: An gleich zwei Reaktoren in Ringhals an der Westküste und in Oskarshamn an der Ostküste wurden kleinere Lecks in den Kühlwasserleitungen festgestellt. Dabei ist es nach Angaben der Aufsichtsbehörde zu leicht erhöhter Radioaktivität gekommen. Eine Gefährdung habe jedoch zu keinem Zeitpunkt bestanden, da die Menge deutlich unter den Grenzwerten gelegen habe. Während der Reaktor in Oskarshamn weiterläuft, musste Ringhals 1 vom Netz genommen werden. Wann der Reaktor wieder in Betrieb genommen werden kann, ist noch nicht klar.

Die Reaktoren in Oskarshamn werden von der zur deutschen Eon gehörenden OKG betrieben, die Ringhals- und Forsmark-Reaktoren gehören dagegen einem Konsortium aus dem schwedischen Staatskonzern Vattenfall und Eon. Für die Betreiber bedeuten die Zwischenfälle nicht nur einen immensen Imageschaden, sondern auch tägliche finanzielle Verluste in Millionenhöhe. „Pro stillgelegten Reaktor muss man mit Einkommensverlusten von fünf bis sieben Millionen Kronen rechnen“, sagte Forsmark-Chef Edberg. Das sind umgerechnet immerhin 540 000 bis 760 000 Euro am Tag. Und zumindest in Forsmark, wo derzeit beide Reaktoren still stehen, rechnet er mit einem mehrmonatigen Betriebsstopp.

Eine Erklärung, warum die bislang als relativ sicher geltenden schwedischen Reaktoren von der Pannenserie heimgesucht wurden, gibt es noch nicht. Doch bei der Aufsichtsbehörde glauben Experten, dass der jahrzehntelange störungsfreie Betrieb der Reaktoren möglicherweise zu einer Nonchalance gegenüber den Sicherheitsbestimmungen geführt hat. In jüngster Zeit wurden gravierende Missstände bekannt: Neben reiner Schlamperei wurden Fehler zu spät gemeldet, nach Alkoholtests mussten sogar einige Kraftwerksbeschäftigte nach Hause geschickt werden. Außerdem ist die mediale Sensibilität nach dem schweren Zwischenfall im vergangenen Sommer deutlich gestiegen, sodass derzeit jeder Abweichung von der Norm zumindest im Ausland große Aufmerksamkeit geschenkt wird. In Schweden selbst haben die vielen Störfälle bisher zu keinem Meinungsumschwung der Bevölkerung geführt. Nach wie vor ist eine deutliche Mehrheit der Schweden für die Atomkraft.

Das Land bezieht etwa die Hälfte seines gesamten Stroms aus der Atomenergie, die andere Hälfte stammt überwiegend aus Wasserkraft. Einen Termin für den Ausstieg aus der Atomenergie gibt es nicht mehr. Ursprünglich wollte Schweden bis 2010 alle Kernkraftwerke vom Netz nehmen. Nach der Abschaltung der ersten beiden Reaktoren im südschwedischen Barsebäck ist dieser Termin jedoch gestrichen.

Die vielen Zwischenfälle in der letzten Zeit haben dagegen das bereits genehmigte Vorhaben der Kraftwerksbetreiber, die Stilllegung der Barsebäck-Reaktoren durch eine Effekterhöhung in den übrigen zehn Reaktoren zu kompensieren, zunächst zunichte gemacht. Bevor die IAEO die schwedischen Sicherheitsstandards nicht überprüft hat, wird es dazu kaum kommen. Und das kann bis zu einem Jahr dauern.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%