Sieben Fragen an: Gerd Billen
„Geld gehört nicht unter das Kopfkissen“

Der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Gerd Billen, hält es für „völlig verkehrt, jetzt sein Geld von der Bank zu holen und unter dem Kopfkissen zu verstecken“. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt der Sozialwissenschaftler, weshalb er diese Meinung vertritt und warum deutsche Banken keine neuen Regeln brauchen.

Tausende deutsche Anleger haben auf Lehman-Zertifikate gesetzt. In der Hoffnung, ihr Geld sei sicher. Reicht der Verbraucherschutz bei Finanzprodukten aus?

Die Ratingagenturen haben Lehman-Papiere lange gut bewertet. Deshalb konnten auch die Verbraucher erwarten, dass es gute Zertifikate waren. Die Krise in den USA ist wegen eines Mangels an Verbraucherschutz ausgelöst worden.

Was kommt mit der Finanzmarktkrise auf die Verbraucher zu?

Es ist völlig verkehrt, jetzt sein Geld von der Bank zu holen und unter dem Kopfkissen zu verstecken. Da gehört es nicht hin. Wir haben eine Einlagensicherung der Banken. Sparguthaben sind zudem auch gesetzlich abgesichert. Hinzu kommt jetzt noch die Staatsgarantie der Bundesregierung. Allerdings könnten die Banken in der aktuellen Lage Schwierigkeiten bekommen, auf alle Forderungen gleichzeitig zu reagieren. Das Geld ist also in hohem Maße sicher, wenn wir einen kühlen Kopf bewahren. Aber sicher werden die Zinsen für Finanzprodukte steigen müssen. Die Renditen für Lebensversicherungen werden sinken.

Warnen Sie vor bestimmten Finanzprodukten?

So weit sind wir noch nicht. Aber ich habe die Erwartung an alle Banken und Sparkassen, dass sie für eine Marktbereinigung sorgen. Sie müssen dafür sorgen, dass unsichere Produkte gar nicht angeboten werden können. Banken haben eine soziale Verantwortung. Die Verbraucher selbst sollten darauf achten, nicht auf jede Verlockung hereinzufallen.

Brauchen wir dafür neue Regeln?

Wir können nicht jeden Verbraucher vor Börsenrisiken schützen, das ist klar. Aber jeder soll das Risiko eingehen, dass er für vertretbar hält. Dazu müssen die Risiken klar gekennzeichnet werden - und zwar international. In Deutschland wäre es doch undenkbar, was in Amerika geschehen ist: Da werden Hunderttausende Häuser an Menschen verkauft, die weder Geld noch einen Job hatten.

Wie sieht es mit der Kundenberatung der deutschen Banken aus?

Die Regeln sind gut, nur die Umsetzung nicht. Etliche Banken bewerben doch lieber ihre eigenen Produkte. Bei Krediten wird Verbrauchern gerne eine Restschuldversicherung aufgeschwatzt. Unnötige Zusatzkosten erhöhen aber das Risiko, dass Kunden ihre Kredite später nicht mehr bedienen können. Kommt das massenhaft vor, trägt die Folgen der ganze Markt. Hier muss der Auftrag der Finanzdienstleistungsaufsicht erweitert werden. Die BaFin muss einen klaren Auftrag im Verbraucherschutz bekommen. Das betrifft die Produktbeobachtung. Es betrifft aber auch die öffentliche Warnung der Verbraucher vor faulen Eiern.

Wäre das nicht auch Aufgabe der Bundesländer?

Die haben sich bisher in der Tat sehr bedeckt gehalten - obwohl die Länder mit ihren Verbraucherschutzministerien die Pflicht haben, die Märkte zu beobachten.

Wie beim Gammelfleisch?

Genau. Jede Dönerbude, die Gammelfleisch anbietet, muss damit rechnen, dass sie am nächsten Tag in der Zeitung steht. Aber ein Finanzvertrieb, der eine Schrottimmobilie anbietet, kann damit rechnen, dass die Verbraucher keine öffentliche Warnung erreicht. Das muss geändert werden. Hier müssen die Banker lernen, dass die gleichen Gesetze gelten, denen eine Dönerbude unterliegt.

Die Fragen stellten Daniel Delhaes und Peter Thelen.

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