Sigmar Gabriel auf Sommertour
Warmpoltern im Pott

Mitten in der Sommerpause tourt Sigmar Gabriel durch den Pott. Hier im Ruhrgebiet, direkt an der Basis will sich der SPD-Chef für den Wahlkampf warmlaufen – und poltert schon mal kräftig gegen die Rente mit 69.

EssenSigmar Gabriel eilt gerade zum Fototermin in Richtung des mächtigen Förderturms der Essener Zeche Zollverein als ihm zwei Radfahrer entgegenkommen. „Na los, fahren Sie ruhig durch“, ruft er. Aber das Ehepaar ist in Urlaubslaune und möchte jetzt ein wenig quatschen mit ihrem Minister. Der Mann, so stellt sich heraus, ist Gabriels Nachbar, zumindest im Job. Er führt eine Praxis für Psychotherapie und Coaching in der Berliner Stresemannstraße – und an der liegt auch die SPD-Parteizentrale. „Sie können mir ja ab und an ein paar Leute von Ihnen vorbeischicken“ scherzt er. Großes Gelächter in der Delegation. Dann sagt Gabriel: „Es gibt Stunden, da wäre das auch nötig bei mir.“

Ein Scherz. Andererseits hat der SPD-Chef auch schon bessere Zeiten erlebt. Erst zieht Rewe gegen den Wirtschaftsminister vor Gericht, dann verheddert sich Gabriel beim Thema TTIP in der eigenen Argumentation. Die Union treibt seine SPD beim Thema Innere Sicherheit vor sich her. Und nun legt sich Gabriel auch noch mit Umweltministerin Barbara Hendricks wegen der anstehenden Reform des europäischen Emissionshandels an.

Die Tour durch den Pott soll da wie eine Heilkur wirken. Kraft tanken an der Basis. Aufwärmen für anstehende Wahlkämpfe. Ein bisschen auf den Putz hauen. Wo könnte das besser gehen als hier? Noch immer lebt ein gutes Drittel aller SPD-Mitglieder in der ehemaligen Kohleregion. Noch immer wohnt hier die Seele der Partei. Am Vortag war Gabriel in Witten und Oberhausen. Da hat er Strukturhilfen für den Ruhrpott gefordert. Seine Presseleute reichen die Mappen mit den ausgedruckten Artikeln untereinander herum.

Für heute haben sie einen besonders symbolischen Ort gewählt: Das Projekt „Schacht One“. Eine Digitalschmiede auf dem Gelände eines ehemaligen Steinkohlebergwerks in Essen. Vor mehr als 150 Jahren riss der Duisburger Unternehmer Franz Haniel hier zum ersten Mal begehrte Fettkohle aus der Tiefe. Jetzt will die Duisburger Daniel-Holding digitale Ideen sprießen lassen. Wo früher Maschinen schnauften sitzen nun junge Menschen mit Hornbrillen vor Laptops. Metallregale haben sie durch Konstruktionen aus Holzkisten ersetzt. Es ist die Geschichte vom Strukturwandel, die heute erzählt werden soll. Sich neu erfinden. Gewagte Wege gehen.

Das passt natürlich wunderbar zu Gabriel. Auch er soll die SPD ja aus der Misere führen, im Bundestagswahlkampf, bei den Landtagswahlen davor und überhaupt. Und wie das Ruhrgebiet braucht seine Partei einen Strukturwandel, einen Kraftschub, einen Sieg.

Die nächste Gelegenheit dazu gibt es bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Noch regieren dort Sozialdemokraten. Aber sowohl Erwin Sellering als auch Michael Müller könnten ihre Ämter verlieren. Die Landtagswahlen werden so zum Stimmungstest – auch für Gabriels Zukunft. Der SPD-Chef braucht einen Erfolg. Sonst wackelt auch seine Kanzlerkandidatur.

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