Silvester-Nacht in Köln
„Frauen sind kein Freiwild“

In der Silvesternacht sind in Köln Dutzende Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt worden. Das Ausmaß der Vorfälle sorgt bundesweit für Entsetzen. Mehrere Bundesminister fordern harte Konsequenzen.
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BerlinDie Angriffe auf Frauen in der Silvesternacht rund um den Kölner Hauptbahnhof haben eine Welle der Empörung ausgelöst. Vertreter der Bundesregierung sprachen sich für harte Konsequenzen aus. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) verurteilte die Übergriffe als "abscheulich und nicht hinnehmbar". Allerdings dürfe die offensichtliche Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund an den Taten "nicht dazu führen, dass nun Flüchtlinge gleich welcher Herkunft, die bei uns Schutz vor Verfolgung suchen, unter einen Generalverdacht gestellt werden", sagte de Maizière am Dienstag in Berlin. Wichtig sei jetzt, die Täter konsequent zu ermitteln.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sprach auf seiner Facebook-Seite ebenfalls von „abscheulichen“ Übergriffen, die man nicht hinnehmen werde. „Alle Täter müssen konsequent zur Rechenschaft gezogen werden.“ In einer Pressemitteilung äußerte Maas zudem die Vermutung, dass es sich bei den Attacken um eine „völlig neue Dimension organisierter Kriminalität“ handle. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen in unseren Städten blanker Gewalt schutzlos ausgeliefert sind“, betonte der Minister.

Die abscheulichen Übergriffe auf Frauen werden wir nicht hinnehmen. Alle Täter müssen konsequent zur Rechenschaft...

Posted by Heiko Maas on Dienstag, 5. Januar 2016

„Frauen sind kein Freiwild. Übergriffe auf Frauen – welcher Art auch immer – nehmen wir nicht hin", erklärte Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig. Die Vorfälle in Köln nannte die SPD-Politikerin "widerwärtig und abscheulich". "Die Täter, egal welcher Herkunft und Religion sie sind, müssen schnell ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden. Mit aller Konsequenz“, verlangte Schwesig.

Ähnlich äußerte sich der der CSU-Innenpolitiker Stephan Mayer. "Sollte sich herausstellen, dass tatsächlich die weit überwiegende Zahl der Täter aus dem arabischen oder nordafrikanischem Raum stammen, so darf dies nicht verschwiegen werden, sondern ist in die Überlegungen, wie solche Übergriffe zu verhindern sind, mit einzubeziehen", sagte Mayer und fügte hinzu: "Es wäre fatal, wenn derartige Straftaten gerade von einem Teil derjenigen begangen werden, denen wir großzügige Aufnahme in unserem Land gewährt haben.“

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) sprach mit Blick auf die Ereignisse in Köln von "schockierenden Gewaltexzessen gegen Frauen". Auch er forderte, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. "So etwas darf sich in unserem Land an keinem Ort wiederholen", sagte der CDU-Politiker der "Rheinischen Post".

Am Silvesterabend hatten sich auf dem Bahnhofsvorplatz laut Polizei etwa 1.000 Männer versammelt, die „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum“ stammen. Dies hätten alle Zeugen übereinstimmend ausgesagt. Ähnlich hatten sich die Polizei und die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Pressemitteilungen geäußert.

Aus der Menge bildeten sich demnach Gruppen von mehreren Männern, die Frauen umzingelt, bedrängt und ausgeraubt haben sollen. Polizeipräsident Wolfgang Albers sprach am Montag von Sexualdelikten in sehr massiver Form und einer Vergewaltigung. Mittlerweile seien 90 Anzeigen eingegangen, sagte ein Polizeisprecher am Dienstag. „Wir gehen davon aus, dass noch weitere hinzukommen“, sagte er. Zum Teil gehe es um sexuelle Übergriffe, zum Teil um Taschendiebstähle. Die Polizei versuche nun, die Berichte zu ordnen und Videomaterial auszuwerten. Bislang gebe es noch keine Festnahmen konkret zu den Vorkommnissen in der Silvesternacht auf dem Domplatz.

Die Kölner Polizei steht in der Kritik, nicht schnell und angemessen reagiert zu haben, Präsident Albers rechtfertigte sich: „Es gibt in Köln keinen rechtsfreien Raum. Wir waren mit starken Kräften im Einsatz.“

In einer Pressemitteilung vom Neujahrstag hatte die Polizei in Köln dagegen von „friedlich“ verlaufenen Silvesterfeierlichkeiten gesprochen. Von sexuellen Übergriffen war nicht die Rede. Der Bahnhofsvorplatz habe zwar im „Bereich des Treppenaufgangs zum Dom durch Uniformierte geräumt“ werden müssen. Dies habe jedoch das Ziel gehabt, eine „Massenpanik durch Zünden von pyrotechnischer Munition bei den circa 1.000 Feiernden zu verhindern“. Die Einsatzlage habe sich jedoch "entspannt" gestaltet - "auch weil die Polizei sich an neuralgischen Orten gut aufgestellt und präsent zeigte". Zu den Vorfällen setzte Oberbürgermeisterin Henriette Reker für heute ein Krisentreffen an.

Politik und Sicherheitsbehörden vor Ort stehen unter großen Druck. Der nordrhein-westfälische Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach (CDU) plädierte bereits dafür, dass sich auch der Innenausschuss des Bundestages mit den Kölner Vorfällen befassen solle. Der Bahnhof und das Bahnhofsgelände lägen in der Verantwortung der Bundespolizei, sagte Bosbach der "Rheinischen Post". Im Bahnhofsumfeld sei hingegen die Landespolizei zuständig. Es stelle sich die Frage, ob genügend Kräfte im Einsatz gewesen seien und wie es um die Kooperation zwischen Bundes- und Landespolizei stehe.

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  • Liebe Leser,
    die Kommentarfunktion ist geschlossen. Leserbriefe und interessante Beiträge zur Debatte nehmen wir gerne unter debatte@handelsblatt.com entgegen.

    Beste Grüße aus der Redaktion.

  • Die Scheinheiligkeit der CDU-Politiker ist nicht mehr zu ertragen. Es war gerade doch ihre Politik die dieses Desaster ermöglicht hat. Köln, Hamburg, Stuttgart ist überall! Schon lange...


  • "Lügenpresse!" ?

    Jedes Asylantenheim, welches von einem braunen Mob angezündet wird, kommt zu Recht sofort in die Hauptnachrichten und wird dort in einem Kommentar verurteilt.

    Wenn Asylbewerber jedoch am 31.12.15 rudelweise in 3 deutschen Großstädten Frauen überfallen, missbrauchen, ausrauben und vergewaltigen, unterdrückt das ZDF selbst 4 Tage später noch in seiner "heute"-Sendung um 19 Uhr diese Meldung.

    Wofür müssen wir zwangsweise Rundfunkgebühren bezahlen? Damit Öffentlich Rechtliche Journalisten Nachrichten, die nicht ihrem Weltbild entsprechen, uns vorenthalten dürfen?

    So langsam wächst mein Verständnis für die neu und demokratisch gewählte polnische Regierung, die das Öffentlich Rechtliche Rundfunksystem offensichtlich nur auf eine demokratischere Basis stellen will.

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