Simonis will weiterregieren
Stimmung kippte kurz vor Mitternacht

Der Wahlabend war für Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin ein Schock. Entgegen allen Umfragen hat die CDU mit Spitzenkandidat Peter Harry Carstensen die SPD mit Heide Simonis an der Spitze auf der Zielgeraden überholt. "Rot-Grün ist abgewählt", triumphierte Carstensen. "Schleswig-Holstein ist ein wunderschönes Land, das es nicht verdient hat, dass man es schlecht oder schwarz redet", meinte seine gefasst wirkende Rivalin Simonis.

HB KIEL. Kurz vor Mitternacht kippte die Stimmung dann noch einmal mit dem vorläufigen amtlichen Endergebnis: Danach kann Simonis mit den Grünen doch weiterregieren, wenn sie den Südschleswigsche Wählerverband (SSW) als Königsmacher gewinnt. Dass sie das will, machte sie am späten Sonntagabend sogleich ihren dann wieder jubelnden Anhängern klar. Zuvor hatte es in ARD und ZDF lange geheißen, Schwarz-Gelb würde es schaffen.

Wenn es keine große Koalition gibt, führt an der Partei der dänischen Minderheit kein Weg vorbei. Der SSW würde unter Bedingungen eine Minderheitsregierung tolerieren, doch eine Duldung gilt als heikles "Wackelmodell". Mit der CDU und dem von seinen Anhängern bejubelten Carstensen gab es klare Sieger, mit SPD, FDP und SSW gemessen an ihren Zielen drei Verlierer. Auch der SSW büßte eines von drei Mandaten ein.

Die Umfragen hatten Simonis gute Siegchancen signalisiert, doch dem stand der Wechselwille der Wähler entgegen. Das Ergebnis ist ein harter Schlag für die Nord-SPD, die 1988 die Macht erobert hatte. Damit kann sich im Jahr vor der Bundestagswahl auch die vorletzte rot-grüne Koalition auf Länderebene nicht behaupten. Die letzte steht in drei Monaten in Nordrhein-Westfalen auf dem Prüfstand.

Carstensen hatten viele einen Sieg nicht zugetraut. Er wollte mit der FDP eine Regierung bilden, doch die Freidemokraten um Vormann Wolfgang Kubicki müssen weiter die harten Oppositionsbänke drücken.

Carstensen hatte bis zum Schluss den Umfragen nicht glauben wollen und einen Sieg beschworen. Nur große Optimisten teilten das. Erleichtert reagierten alle Parteien im prall gefüllten Landeshaus an der Förde auf das klare Scheitern der rechtsextremen NPD.

Die Grünen, seit 1996 im Regierungsboot, sind nach vorübergehenden Höhenflügen letztlich froh, dass sie ihr Ergebnis von 2000 halten konnten - waren sie doch zuletzt bundes- und landespolitisch unter Druck. Die Visa-Affäre um ihren Vorzeige-Minister Joschka Fischer hat die Wähler im Norden offensichtlich nicht übermäßig beeindruckt.

Für Rot-Grün allein war am Ende auch das Zugpferd Simonis nicht stark genug. Die Genossen hatten im Wahlkampf ganz auf "Heide" gesetzt, wie es auf knallroten Plakaten schlicht hieß. Ihre Regierungsbilanz blieb blass, angesichts von Rekordarbeitslosigkeit und-verschuldung. Dagegen stehen einige Modernisierungserfolge.

Bis zuletzt hatte es so ausgesehen, dass die Opposition die Schwächen von Rot-Grün nicht hinreichend nutzen könnte: CDU-Spitzenkandidat Carstensen (57), Agrarexperte der Union im Bundestag, hinkte im Popularitätswettlauf mit Simonis (61) hinterher, inhaltlichen Alternativen mangelte es an Überzeugungskraft und im Anlauf zum Wahlkampf legte die CDU eine blamable Pannenserie hin. Doch bei den Themen Arbeitslosigkeit und Wirtschaft trauten die Wähler der Union mehr zu als Rot-Grün. Nach anfänglicher Euphorie reichte es dann doch nicht ganz für Schwarz-Gelb.

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