Sinn: "ALG II sollte Lohnzuschuss werden": Ökonomen streiten um richtiges Lohnniveau

Sinn: "ALG II sollte Lohnzuschuss werden"
Ökonomen streiten um richtiges Lohnniveau

HB BERLIN. Über die Frage angemessener Löhne sind sich Wirtschaftsexperten in Deutschland uneins. Während der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, eine Senkung der Löhne für notwendig hält, um die zunehmende Auslagerung von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer zu bremsen, findet der neue Vorsitzende des Sachverständigenrates, Bert Rürup, Lohnerhöhungen bis zu zwei Prozent in diesem Jahr «in Ordnung». Auch Konjunkturexperte Gustav Horn plädiert für höhere Gehälter.

Dem Magazin «Focus» sagte Sinn, Deutschland habe «die Wahl zwischen zwei Übeln: Chaotische Verhältnisse, die sich mit weiter zunehmender Massenarbeitslosigkeit einstellen. Oder nachgebende Löhne, was für viele möglicherweise fallende Einkommen bedeutet». Dagegen sagte Rürup der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» (FAS), eine Nullrunde oder gar Lohnsenkungen werde er nicht begrüßen. Er begründete dies mit der Inflation, die in diesem Jahr bei einem Prozent liegen dürfte.

Gustav Horn, der Leiter des neu gegründeten Instituts für Konjunkturforschung und Makroökonomie in der Hans-Böckler-Stiftung, sagte der «Welt am Sonntag»: «Wir haben keine Krise, weil die deutschen Löhne zu stark gestiegen sind, sondern weil sie zu wenig gestiegen sind.» Horn gilt als einer der profiliertesten Verfechter einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik.

Sinn argumentiert indes aus Sicht der Unternehmen. Ohne veränderte Lohnstrukturen lasse sich nicht verhindern, dass Jobs vor allem nach Osteuropa abwanderten, wo die Lohnkosten zum Teil fast zehn Mal niedriger liegen als in Deutschland. Bei Geringverdienern müsse die Lohnsenkung jedoch durch staatliche Zuschüsse abgefedert werden, damit das Einkommen nicht falle, forderte der Ifo-Chef.

Er regte an, der Staat solle beim Arbeitslosengeld II (ALG II) die Hinzuverdienstmöglichkeiten verbessern. Man müsste daher «Hartz IV so konstruieren, dass ALG II ein Lohnzuschuss wird, den man nur dann in voller Höhe erhält, wenn man arbeitet. Dann fallen die Lohnansprüche, und es gibt neue Jobs», argumentierte Sinn. Wer dennoch nichts finde, dem müsse der Staat zumindest einen Ein-Euro-Job anbieten. Mit dem Lohn daraus und ALG II solle sich der Lebensstandard halten lassen.

Rürup äußerte sich in der «FAS» zurückhaltend zum Erfolg der Arbeitsmarktreform Hartz IV. Insbesondere in Ostdeutschland, wo es kaum ein Arbeitsangebot gebe, könne die Reform nicht greifen, sagte der Darmstädter Ökonom. Er forderte die Bundesagentur für Arbeit auf, sich insgesamt mehr um die Vermittlung von Arbeitslosen in Arbeit zu kümmern. «Die Bundesagentur hat in der Vergangenheit leider ihre Vermittlungsaktivität nicht nur nicht intensiviert, sondern zurückgefahren», bemängelte Rürup.

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