Skandal beschäftigt Welteke noch immer
Die Last der Vergangenheit

Bleiches Gesicht, die Hände zusammengekrampft auf dem Schoß – Ernst Welteke sieht aus, als würde er am liebsten aufstehen, vom Podium steigen, die versammelten Gäste einfach stehen lassen und weglaufen, weit weg, egal wohin.

HB FRANKFURT. Drei Monate nachdem ihn die „Adlon-Affäre“ aus dem Amt gefegt hat, stellt sich der ehemalige Bundesbankpräsident zum ersten Mal der Öffentlichkeit. „Als Therapie für mich selbst, ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, vor Publikum über die Vorgänge zu sprechen“, sagt er. Und so sitzt er auf einem blauen Sofa im Festsaal des Frankfurter Städelmuseums bei einer Diskussionsveranstaltung, die sich „Salon der Deutschen Flugsicherung“ nennt und lässt sich von einem ehemaligen Rundfunkmoderator befragen.

Doch der Einstieg in die Selbsttherapie fällt schwer. Noch immer ist der Skandal das Gravitationszentrum, um das sich Weltekes ganzes Leben dreht. Jene vier Tage, die er und seine Familie zur Eurobargeld-Einführung Silvester 2001 auf Kosten der Dresdner Bank im Berliner Nobelhotel Adlon verbrachten. Auch jetzt noch kann er den abschätzigen Kommentar, der an einem Freitagabend im ARD–Magazin „Bericht aus Berlin“ über den Bildschirm flimmerte, auswendig hersagen: „Ernst Welteke war von Anfang an eine Fehlbesetzung für den Posten des Bundesbankpräsidenten, er hat seine Position ausgenutzt, um sich persönlich zu bereichern.“ Das schmerzt. Dann hält er ein dickes Buch in die Luft, fest gebunden, mit Lesezeichen: „Das sind alles Artikel, die über mich im April in überregionalen Zeitungen erschienen sind“, sagt er.

Abgenommen hat Welteke, das Gesicht unter den schütteren blonden Haaren ist lange nicht mehr so rund wie früher. Fast versteinert sitzt er in der Sofaecke, von der berühmten Leutseligkeit ist kaum noch etwas zu spüren. In einsilbigen Antworten zeichnet er das Bild des bodenständigen Sozialdemokraten, der es aus kleinen Verhältnissen in der nordhessischen Provinz bis zum Landesminister und Bundesbankchef gebracht hat. Bescheiden sei er stets geblieben: „Ich bin wohl der einzige aus der Spitze der Bundesbank, der ohne Verdienstkreuz ausscheidet. Ich habe immer gesagt, ich tue nur meine Pflicht, und dafür werde ich bezahlt.“

Doch wie konnte es dann zur Adlon-Affäre kommen? Weltekes Welt scheint im Moment vor allem aus „hätte“, „wäre“ und „wenn“ zu bestehen. „Hätte ich gewusst, wie teuer die Übernachtung war, hätte ich das nie gemacht.“ Und: „Was wäre gewesen, wenn ich für den Auftritt auf dem Silvester-Empfang der Dresdner Bank ein Honorar gefordert hätte und davon das Hotel bezahlt hätte?“ fragt er, um gleich selbst zu antworten: „Niemand hätte sich aufgeregt.“

Seite 1:

Die Last der Vergangenheit

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%