Skandal-Interview
Thilo Sarrazin: Der Unverbesserliche

Der Stuhl von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin wackelt: Nach seinem Skandal-Interview, in dem Sarrazin Migranten massiv beleidigte, haben sich Politiker und Spitzen-Vertreter der Notenbank von den Äußerungen distanziert. In der Bundesbank rätselt man, ob es sich um einen „Black-out“ oder eine gezielte Provokation handelt.
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saf/cü/hgn BERLIN/ISTANBUL. Die Anspannung ist dem gut gebräunten Thilo Sarrazin kurz nach seinen beleidigenden Tiraden gegen Ausländer und sozial Schwache nicht anzusehen. Mit locker übereinander geschlagenen Beinen sitzt er im siebten Stock des Berliner Radisson Blu Hotels und fachsimpelt mit Blick auf das Rote Rathaus am Rande eines Fachkongresses zum Verbriefungsmarkt über toxische Wertpapiere.

Dass der Bundesbankvorstand und Ex-Berliner Wirtschaftssenator dennoch auf der Hut ist, zeigt sich nur daran, dass er sich mit seiner eigenen Meinung auffällig zurückhält. Auf die Frage nach den Vorschlägen die Bankenaufsicht bei der Bundesbank zu bündeln, verweist er brav auf die Äußerungen von Bundesbankvorstand Axel Weber und bei Fragen nach Kriterien der europäischen Zentralbank (EZB) zum Ankauf von Wertpapieren, sagte er nur, das sei Sache der Zentralbank.

Die Banker auf dem Kongress stellten Sarrazin keine kritischen Fragen, doch den Sturm der Entrüstung konnte er auch nach einer öffentlichen Entschuldigung nicht eindämmen: SPD-Europa-Politiker Vural Öger will sich für einen Parteiausschluss des Genossen Sarrazin einsetzen, die Staatsanwaltschaft Berlin prüft Ermittlungen wegen Volksverhetzung. Der türkische Notenbankvize bittet „Allah möge ihm mehr Verstand geben“, Bundesbankpräsident Axel Weber legt ihm beim Weltbanktreffen in Istanbul den Rücktritt nahe und spricht von einem „Reputationsschaden“ für die Bundesbank. Es gehe um die Glaubwürdigkeit der Bundesbank. Dieser Verantwortung müsse sich jeder Mitarbeiter bewusst sein – vom Pförtner bis zum Vorstand.

Auch andere Spitzen-Vertreter der Notenbank haben sich von den Äußerungen des SPD–Mannes distanziert. „Nach diesem Eklat stellt sich grundsätzlich die Frage, ob mit Herrn Sarrazin eine positive Zusammenarbeit im Sinne der Bundesbank überhaupt möglich ist", sagte ein Vertreter der Zentralbank am Rande der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank in Istanbul dem Handelsblatt. Kein Verständnis hat man im Bundesbank-Vorstand zudem dafür, dass Sarrazin den ausdrücklichen Wunsch Webers, das Interview nicht zu veröffentlichen, ignoriert hat.

Sarrazin, der Anfang Mai von Berlin in die Bundesbankzentrale nach Frankfurt wechselte, hatte sich in einem Interview der Zeitschrift „Lettre International“ abfällig über in Deutschland lebende Türken geäußert, die das Land genauso eroberten wie die Kosovaren den Kosovo: durch eine höhere Geburtenrate. Weiter sagte er: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“ Die Bundesbank hatte sich umgehend von den Äußerungen distanziert.

Der Streit zwischen Bundesbank-Präsident Weber und Sarrazin entstand bereits vor dem Druck des Skandal-Interviews. Sarrazin hatte, wie in der Zentralbank üblich, den Text vor der Veröffentlichung vorgelegt. Präsident Weber hatte handschriftlich alle kritischen Passagen markiert und den Text als „nicht akzeptabel“ beurteilt. Gegen die Aufforderung, von einer Veröffentlichung abzusehen, habe sich Sarrazin heftig gewehrt. Vertreter der Bundesbank berichten, dass Sarrazin die Eingriffe Webers als „Zensur“ kritisiert und den Text schließlich eigenhändig autorisiert habe. In der Bundesbank rätselt man, ob es sich um einen „Black-out“ oder „bewusste Provokation“ handelt. Schon als Berliner Finanzsenator war Sarrazin mit derben Sprüchen gegen Hartz-IV-Empfänger aufgefallen. Bundesbank-Kreise gehen davon aus, dass sich der Vorstand vor der regulären Gremiensitzung am Dienstag im Fall Sarrazin abstimmt, eventuell in einer Telefonkonferenz am Montag. Allerdings werden intern wenig Chancen gesehen, Sarrazin aus dem Amt zu drängen. Dafür brauchte es einen „ groben Verstoß gegen Dienstpflichten“. Und der liege nicht vor.

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