Social-Media-Falle für Grüne
Wenn sich ein Foto selbstständig macht

Ein Foto zweier Sportwagen vor der Zentrale der Grünen in Köln wird für die Partei zum PR-Desaster, gegen das sie sich kaum wehren kann. Und für den Fotografen ist es eine Lehrstunde in Social-Media.
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DüsseldorfEin Bild kann sich schnell verselbstständigen, wenn die Botschaft nur witzig oder skandalös genug ist. Der Journalist Tobias Gillen und der Kreisverband der Grünen in Köln haben das jetzt gemerkt. Gillen entdeckte am Ebertplatz in der Kölner Innenstadt einen Porsche und einen Ferrari auf Behindertenparkplätzen vor der Grünen-Zentrale, fotografiert die Szene und twitterte die Aufnahme mit dem Satz „Ich möchte dieses Bild – in all seinen Facetten – einfach mal unkommentiert wirken lassen“. Das hat er als Witz gemeint. Es könne doch niemand ernsthaft glauben, dass die Sportwagen den Grünen gehörten – und die ihre Luxuskarossen auch noch auf Behindertenparkplätze stellen, dachte Gillen. Ein Großteil der Nutzer fand das Bild ebenfalls amüsant, sie kommentierten es mit Stichworten wie „Öko-logisch“ oder verbreiteten es weiter. Fast 1500 Mal wurde es bei Twitter geteilt. Doch nach einigen Stunden bekam die Geschichte eine Eigendynamik – und das Bild wurde wegen seiner Symbolkraft schnell umgedeutet.

Auf Gillens Facebook-Seite und bei Twitter ergoss sich plötzlich Hass auf die Grünen. Die stellten zwar schnell klar, dass die Autos zu einer Immobilienfirma gehören, die gleichzeitig auch Hausbesitzer ist. Die Immobilienfirma hat die Behindertenparkplatzschilder zudem selbst angebracht, damit niemand auf die Idee kommt, ihre Parkplätze zu blockieren.

Das PR-Desaster für die Partei war da aber kaum noch aufzuhalten. Denn eine Richtigstellung erzielt nur selten die Reichweite der skandalisierten Ursprungsnachricht. Und wenn in solchen Situationen auch noch Partei-Scharmützel dazukommen, wie hier zwischen dem CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Grosse-Brömer und Jörn Pohl, Mitarbeiter des Grünen-Bundestagsabgeordneten Konstantin Notz, ist das Chaos perfekt. Und sorgt für Kopfschütteln bei den Internetnutzern.

Ein Trost für die Grünen: Sie sind nicht die Ersten, denen so etwas passiert. Ungewollt in die Schlagzeilen kommen – damit kennt sich auch die Deutsche Familienversicherung aus. Das Unternehmen aus Frankfurt brachte im August dieses Jahres die halbe Pflegebranche gegen sich auf. Der Grund: Ein Aufruf zur privaten Pflegeversicherung, der gelinde gesagt „semantisch uneindeutig“ war. „Soll Ihre Tochter Altenpflegerin werden oder freie Berufswahl haben?“, hieß es auf dem großen Plakat im Schaufenster einer Bamberger Versicherungsagentur. Die Absicht: Den Kunden sollte die Bedeutung einer guten Vorsorge klargemacht werden. Damit nicht später die Kinder für die Pflege den Beruf aufgeben müssen.

Die Schülerin einer Pflegefachschule verstand das Poster ganz anders, schoss ein Bild und gab es an ihren Direktor weiter. Der stellte es ins Netz – schon rollte der digitale Sturm über die Versicherung hinweg. Eine ganze Branche fühlte sich verunglimpft. Tragisch für das Unternehmen dabei: höchstwahrscheinlich war das Schaufenster der Bamberger Versicherungsagentur der einzige Ort, an dem das Postermotiv zu sehen war. Durch das Netz verbreitete sich das Bild deutschlandweit, da halfen auch alle Versuche der Schadensbegrenzung nicht.

Auch die Bayernpartei konnte schon erleben, wie man durch die Fehlinterpretation eines Bildes zu ungewolltem Ruhm kommt. „Kriminalität abschaffen“, titelten die bayrischen Separatisten auf einem Wahlwerbeplakat im Jahr 2009.  Gemeint war das als Parodie auf Forderungen anderer Parteien, die meinen unerwünschte Zustände per Beschlussfassung abzuschaffen. Die geradezu vorprogrammierte Spottwelle ebbte nur langsam ab, einzelne Blogger korrigierten noch ihre Artikel und erkannten im Nachhinein die Parodie an. Doch nach wie vor ist dieser Slogan mit der Bayernpartei verbunden. Wer „Bayernpartei“ etwa in die Suchmaschine Google eingibt, erhält sofort als Vorschlag „Bayernpartei Kriminalität verbieten“ angezeigt. Und das mehr als vier Jahre nach Veröffentlichung des Plakats.

Die Brisanz seines Bildes hat Tobias Gillen auch erkannt. Er löschte seinen Tweet und das Bild bei Facebook, um weiteren Schaden von den Grünen abzuwenden. Zudem war in der Zwischenzeit auch Gillen selbst Ziel von Kritik. Er habe bloß sich selbst profilieren und die Partei schlecht machen wollen. Und so sagt ein Bild nicht nur manchmal mehr als tausend Worte, sondern braucht auch einige, um alles wieder richtigzustellen. Und so schreibt Gillen auch: „Ich bedauere nicht, dass ich das Bild hochgeladen habe. Ich bedauere, was daraus gemacht wurde.“

huGO-BildID: 30544442 Jonas Jansen Handelsblatt Online 4 / 2013 Quelle: Handelsblatt Online
Jonas Jansen
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter
Till Simon Nagel
Till Simon Nagel
Handelsblatt Online / Freier Mitarbeiter

Kommentare zu " Social-Media-Falle für Grüne: Wenn sich ein Foto selbstständig macht"

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  • ich möchte gerne wißen, WIE die Immobilenmakler dazu kommen (sogar zwei gleich)ausgerechnet den Grünen das Haus zu vermieten???? außerdem weiß doch jedes Kind wie korrupt POlitos sind... !!! haha in Grafing bei Muc. haben die CDUler sogar ein Schild auf ihrem Grundstück ganz groß und dick "Betreten strengstens verboten! Betreten auf eigenen Gefahr!"

  • Diese Bildergeschichte zeigt, wie schnell Menschen diffamiert werden können.
    Es ist symbolisch dafür, dass der Umgang mit den "noch freien Medien" im Internet zu seltsamen Blüten führt.

    Aber vor allem sind die User die Dummen, wenn sie auf so einfache Bildgeschichten hereinfallen ohne auch nur zu hinterfragen!

    Aber genau mit diesen Mitteln wird heute Meinung gemacht!! Wer macht wen mit was am besten schnell mundtot?????
    Das war z.B. bei den Grünen mit dem Fleischverzicht in Kantinen genau so! Die Zeitung mit den vier Buchstaben hat eine große Schlagzeile fabriziert und jeder grölte und fand sich bevormundet!
    Dieser Punkt war bei den Grünen schon lange ein alter Hut, aber es interessierte sich niemand dafür!
    Genau so wie mit den Steuererhöhungen, keiner hörte genau hin!

    Jeder hörte auf die Wohlfühlmeldung von Merkel
    - ich will, dass es ihnen auch in Zukunft weiter gut geht-
    Ach, das ist es was Michl hören will und gerne glaubt!!!!!!!!!!!! Tja und nun hat er Merkel und nun?

  • Köstlich! Herrliche Geschichte!! ((o:)
    Nicht nur gewollt komisch, sondern ungewollt realistisch!

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