Sommerinterviews
Merkel und Steinmeier im Weichspül-Wahlkampf

Es sollte wohl der Höhepunkt der Sommerinterviews von ARD und ZDF werden: Am Sonntag durften SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier und Bundeskanzlerin Merkel ran, Steinmeier in der ARD und Merkel im ZDF. Bei allen Unterschieden zwischen den beiden gab es eine alles überlagernde Gemeinsamkeit.

Punkt halb sieben am Sonntagabend – während der HSV dem VfL Wolfsburg im dessen eigenem Stadion die Grenzen aufzeigte – strahlte die ARD das Interview mit Frank-Walter Steinmeier aus. Getreu den gewohnten Gepflogenheiten im Ersten machte ARD-Mann Ulrich Deppendorf die Zuschauer vorab darauf aufmerksam, dass dieses Interview am Mittag in Berlin aufgezeichnet wurde. Im Rahmen der Leichtathletik-WM lief gerade der Marathon, was die über dem Regierungsviertel kreisenden Hubschrauber und die damit verbundenen Lärm-Emission erklärte. Und die lustigen Flokati-Puschel, die bei allen Gesprächspartnern über die Ansteckmikrofone gestreift wurden, um Wind- und andere Störgeräusche zu unterdrücken.

Die Inszenierung hat dem Kandidaten sicher gefallen: Im Freien auf der Terrasse vor dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus (dem wissenschaftlichen Dienstleistungszentrum des Bundestages), das Kanzleramt quasi in Sichtweite. Der Macher Steinmeier ganz nah am Zentrum der Macht. "Wir begrüßen den Mann, der Chef im Kanzleramt werden will", sagte ARD-Journalist Deppendorf. "Aber das war ich doch schon", sagt Steinmeier jovial. "Der Bundeskanzler werden will", verbessert sich Deppendorf schnell. Aber Steinmeier spielt diesen Lapsus nicht weiter aus, er will für sich werben und niemanden vorführen. "Gut geheizt haben Sie", sagt er noch. Kein Wunder, er und seine beiden Befrager sitzen in der prallen Sonne.

Jetzt übernimmt Co-Interviewer Rainald Becker die Initiative und geht gleich richtig hart ran, wie er wohl glaubt. "Was haben Sie falsch gemacht bei Ulla Schmidt", fragt er nassforsch, aber Steinmeier scheint darauf vorbereitet. Sagt, "wir" sollten jetzt zur Politik zurückkehren und auf die weitere Nachfrage zur leidigen Dienstwagen-Affäre der Gesundheitsministerin: "Ich hätte es mir einfach machen und Ulla Schmidt rauswerfen können!" Aber das sei nicht seine Art. Pflichtschuldig verweist der Kandidat auf die Prüfung der Angelegenheit durch den Bundesrechnungshof, der keine Verfehlungen finden konnte. Und jetzt muss er nur noch den Elfmeter verwandeln. Und das tut er: Es gebe schließlich wichtigere Fragen, auf die die Menschen eine Antwort erwarteten.

Jetzt wäre es eigentlich spannend geworden, die beiden hochkarätigen ARD-Routiniers hätten nachhaken können. Doch es folgt eine Unsitte, die schon in den Polit-Talkshow tägliche Praxis ist: ein Einspielfilm. Tenor: Steinmeier rackert, aber der SPD läuft angesichts der schlechten Umfragewerte die Zeit davon. Doch eines habe der Kandidat nicht verlernt: Sein typisches, ansteckendes Lachen.

Da haken die ARD-Männer ein: Ob ihm nicht manchmal das Lachen vergehe? Haben die Journalisten ehrlich erwartet, dass Steinmeier darauf mit "Ja" antwortet? So nach dem Motto: "Ja, mir ist das Lachen vergangen, ich weiß, dass ich keine Chance habe und ich überlege schon, wie ich mich aus dem Wahlkampf verdrücken kann?"

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