Sonderparteitag der Sozialdemokraten
Märchenstunde in Rotenburg

Die Sozialdemokratin mit ihrer roten Fahne klingt ehrlich erfreut, als die Landesvorsitzende die Meirotels-Halle in Rotenburg an der Fulda betritt: „Da kommt das Yps.“ Andrea Ypsilanti holte sich beim Sonderparteitag der SPD die Erlaubnis, mit den Grünen in Koalitionsverhandlungen zu gehen – und das Abenteuer mit der Linken zu wagen.

ROTENBURG. Für den Weg zum Podium des Parteitags braucht Andrea Ypsilanti viel Zeit. Das liegt nicht an dem großen Saal, sondern an der Volksnähe der Landesvorsitzenden. Sie geht durch die Stuhlreihen der Delegierten, entdeckt vertraute Gesichter und kommt mit den Delegierten ins Gespräch. "Wer hat denn den Hochtaunus runter geschmissen?", fragt die Landesvorsitzende, lacht über den eigenen Scherz und hebt das Namensschild des Wahlkreises auf. Das kommt gut an.

Wenig später steht Andrea Ypsilanti mit dunklem Hosenanzug und wenigen Gesten dann am Rednerpult und kontert eine Warnung aus dem CDU-Lager: "Wenn Oskar Lafontaine der böse Wolf ist und Andrea Ypsilanti das Rotkäppchen - dann muss man nur das Märchen zu Ende lesen, um zu wissen, wer übrig bleiben wird." Andrea Ypsilanti strotzt vor Selbstbewusstsein. "Wir haben den als unbezwingbar geltenden Roland Koch bezwungen. Wir haben bundesweit den erfolgreichsten Wahlkampf der SPD geführt", sagt die Landesvorsitzende. Sie fürchtet weder Koch noch Lafontaine und will jetzt mit Hilfe der Linken an die Macht.

Dafür muss Andrea Ypsilanti auch die Kritiker aus den eigenen Reihen besänftigen. Der Termin für den Landesparteitag war extra von September auf Oktober verschoben worden, um der Partei in kurzfristig organisierten Regionalkonferenzen Gelegenheit zur Diskussion über den weiteren Weg der SPD zu geben. "Die Konferenzen waren eine Ermutigung für uns," so Ypsilanti. Die Mehrheit der Beteiligten seien der Meinung, dass "das jetzt gemacht werden müsse"

In ihrer Rede macht Andrea Ypsilanti eine nachhaltige Energiepolitk in Hessen zum Thema. Danach fordert sie eine soziale Bildungspolitik mit Ganztagsschulen und verlangt Mindestlohn und Vermögenssteuer. Immer wieder unterbrochen vom Szenenapplaus der Genossen.

In der Merotels-Halle ist es warm und die Stimmung entspannt. Vor der Tür hat es vor dem Parteitag ganz anders ausgesehen: Grauer Himmel, beständiger Nieselregen - die Jusos haben sich davon nicht schrecken lassen und sich vor dem Eingang mit Fahnen und Transparenten postiert. Sie wollen Andrea Ypsilanti willkommen heißen. Das wollten sich aber auch die Julis nicht nehmen lassen. Sie haben sich rote Pinocchio-Nasen in Y-Form aufgesetzt und begrüßen Andrea Ypsilanti mit Schildern, die sie an ihren eigenen Wahlkampf erinnern sollen: "Meine Aussage ist sehr eindeutig: Es gibt keine Koalition mit Links", Originalton Ypsilanti - vor der letzten Landtagswahl.

Das klingt heute anders: "Die hessische SPD war immer mutig in ihrer Geschichte, ist stets neue Wege gegangen." Jetzt also mit der Linkspartei an der Seite. Andrea Ypsilanti weiß, dass viel Arbeit vor ihr liegt. Aber sie beschwört den politischen Mut der hessischen SPD und wird mit stehenden Ovationen und minutenlangem Applaus belohnt.

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