Sonderparteitag
Kurt Beck: Die Kür des Unterschätzten

Auf einem Sonderparteitag in Berlin will die SPD am Sonntag Kurt Beck zum neuen Vorsitzenden wählen – den elften seit Kurt Schumacher. Becks neuer Job wird nicht leicht. Er muss die Partei einen und ihr Profil innerhalb der Koalition schärfen.

Ex-Kanzler Gerhard Schröder war mit ihm Spargel essen. Demonstrativ. Im „Café Einstein“, Unter den Linden, wo immer genügend Journalisten herumhängen und bei Bedarf auch ein Fotograf der „Bild“-Zeitung die Solidaritätsbekundung dokumentieren kann. Die Parteilinke Andrea Nahles lobt in höchsten Tönen seine Integrationskraft. Mit dieser „großen Stärke“ werde er „in der Partei und der Bevölkerung punkten“. Und Vizekanzler Müntefering sagt dem designierten SPD-Chef ein „erstklassiges Wahlergebnis“ voraus: „Alle werden sich um ihn scharen.“

Es ist im Augenblick nicht einfach, einen Sozialdemokraten zu finden, der sich kritisch zu Kurt Beck äußert. Am Sonntag soll der 57-jährige Pfälzer mit der Mecki-Frisur zum elften Vorsitzenden der Partei nach dem Zweiten Weltkrieg gewählt werden. Allein in den vergangenen beiden Jahren hat die SPD drei Vorsitzende verbraucht. Beck, der lange Zeit eher im Hintergrund agierende Mainzer Ministerpräsident, ist nun buchstäblich „der letzte Mann“. Insofern können die öffentlichen Vorschusslorbeeren nicht verwundern. Doch auch intern wird ihm in der Partei einiges zugetraut. „Man sollte den Mann nicht unterschätzen“, ist derzeit die meistgehörte Mahnung alter Politprofis.

Die Gefahr könnte in der Tat bestehen. Denn Becks erste Auftritte auf dem Berliner Parkett waren nicht unbedingt überzeugend. Erst trat er mit einem „Spiegel“-Interview eine unnötige Steuererhöhungsdebatte los. Zwar hatte er nur in einem Nebensatz gesagt, „die aktuelle Steuerlastquote von unter 20 Prozent“ reiche nicht aus, um sämtliche Zukunftsaufgaben des Staates zu finanzieren. Ähnliches war von anderen Sozialdemokraten mit Bezug auf den Abbau von Steuerausnahmen schon früher zu hören gewesen. Doch Beck brauchte eine quälend lange Woche und ein Telefonat mit dem in Sibirien weilenden Finanzminister Peer Steinbrück, bis er dem öffentlichen Eindruck entgegentrat, er fordere über die bereits angekündigten Steuererhöhungen hinaus weitere Anhebungen der Abgabensätze. Das lässt nur zwei Deutungen zu: Entweder war ihm die ursprüngliche Interpretation aus parteitaktischen Gründen ganz willkommen, oder ihm ist ein ziemlicher medialer Anfängerfehler unterlaufen.

Wenig Fortune zeigte Beck auch kurz darauf beim Grundsatzkongress seiner Partei. Die seit langem geplante Rede hatte er quasi über Nacht von dem in der Osterwoche abgetretenen Vorgänger Matthias Platzeck übernehmen müssen. Kaum mehr als „ein paar Stunden“ seien ihm zur Vorbereitung geblieben, während er daheim in Rheinland-Pfalz gerade eine sozialdemokratische Alleinregierung bildete, berichten Vertraute. Das Ergebnis fiel entsprechend aus. Beck holperte vom Hölzchen aufs Stöckchen, sprach über das Kastenwesen in Indien und eine Floristin in Mainz, beschwor die Worthülse „vorsorgender Sozialstaat“ und endete vielfach im Nirgendwo. „Das war die schwächste, gehaltloseste Grundsatzrede seit Jahrzehnten“, urteilte die „Zeit“ gnadenlos.

Doch im scharfen Kontrast zu diesen Eindrücken stehen die Urteile, die Augenzeugen über die Auftritte des designierten Parteichefs in internen Besprechungen, Gremiensitzungen und im Koalitionsausschuss abgeben. Als „sehr stark“ wird Beck dort übereinstimmend beschrieben. Seit mehr als 25 Jahren macht der gelernte Elektromechaniker als Bürgermeister, Landtagsabgeordneter und Ministerpräsident Politik. Entsprechend gebe es von der Steuer- über die Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik bis zum Föderalismus „kein Thema, in dem er nicht sattelfest ist“, urteilt ein SPD-Präsidiumsmitglied. Anders als Platzeck sei er „in der Partei geerdet“, sagt ein anderer. Zugleich wisse er trotz jovialer Umgangsformen „ganz genau, wann er Entscheidungen treffen“ müsse. Aus diesen Eigenschaften resultiere eine Führungsstärke, die seinem Körperumfang entspreche. Kaum magerer fällt das Lob hochrangiger Unionspolitiker aus, die Beck unisono einen „wohltuend sachlichen“ Diskussionsstil, „präzise Verhandlungsführung“ und „Stehvermögen“ bescheinigen.

Der bodenständige Südpfälzer, der sich von seiner Frau Roswitha die Haare schneiden lässt, seine Anzüge zweimal im Jahr im Bekleidungshaus Michel in Landau kauft und sonntags bisweilen vom Pontifikalamt im Mainzer Dom zum Formel-1-Rennen am Nürburgring eilt, ist sicher kein Visionär. Aber wie kaum einem anderen Sozialdemokraten wird ihm die Fähigkeit zugetraut, die Parteiflügel zusammenzuhalten. Weitgehend geräuschlos führt er seit 1994 in Mainz die Regierungsgeschäfte – zuletzt zusammen mit den Freien Demokraten, die ihm eine gehörige Portion Pragmatismus bescheinigen.

Das Schwergewicht Beck steht auf einem beachtlichen politischen Fundament. Es gehört zur Ironie der SPD-Geschichte, dass der Pfälzer mit seinen integrativen Fähigkeiten möglicherweise im Herbst sogar jenes Ereignis hätte verhindern können, das die Partei in schwerste Turbulenzen stürzte: den Rücktritt von Ex-Parteichef Franz Müntefering. An der entscheidenden Sitzung des Parteivorstandes, die Müntefering als Putsch empfand, nahm Beck urlaubsbedingt nicht teil. Nun lastet die gesamte Verantwortung für die Partei auf seinen Schultern.

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