Soziale Marktwirtschaft
Deutsche zweifeln am System

Das Ruder dürfte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer aktuellen Videobotschaft nicht herumreißen: Die Ordnung der sozialen Marktwirtschaft habe sich bewährt, beteuert die Kanzlerin. Die Mehrheit der Deutschen sieht das mittlerweile ganz anders. Dramatisch: Diese Mehrheit nimmt beständig zu.

HB BERLIN/DÜSSELDORF. Merkel ruft in ihrer  Internet-Botschaft dazu auf, die soziale Marktwirtschaft im Zeitalter der Globalisierung weiterzuentwickeln. Die Ordnung habe sich bewährt. Im globalen Wettbewerb stehe sie aber vor völlig neuen Herausforderungen. Die Botschaft geht aber offenbar an der Mehrheit der Deutschen vorbei. Einer aktuellen Umfrage Zufolge hat sie ihren Glauben an die soziale Marktwirtschaft verloren.

38 Prozent der Bundesbürger haben "keine gute Meinung" von der deutschen Wirtschaftsordnung und nur noch 31 Prozent "eine gute Meinung", wie eine Allensbach-Umfrage nach einem Bericht der "Wirtschaftswoche" ergab. Noch zu Jahresbeginn hatten sich demnach 39 Prozent der Befragten optimistisch über die soziale Marktwirtschaft geäußert. Besonders hoch ist der Meinungsverfall dem Blatt zufolge in Westdeutschland. Zum ersten Mal haben mehr Menschen (35 Prozent) eine schlechte als eine gute Meinung (34 Prozent) von ihrer Wirtschaftsordnung.

Eher negativ wird auch die Konjunktur gesehen: Laut Allensbach-Chefin Renate Köcher sind nur 26 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass die derzeit gute Lage wenigstens für die kommenden sechs Monate andauert, wie die "Wirtschaftswoche" schreibt. Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung sei nicht gewachsen. Im Gegenteil: 40 Prozent der Deutschen zweifeln laut Umfrage, ob die soziale Marktwirtschaft im Zeitalter der Globalisierung zeitgemäß ist. Weitere 35 Prozent sind in dieser Frage unsicher.

Eine Alternative zur marktwirtschaftlichen Ordnung sieht allerdings mit 14 Prozent nur eine kleine Minderheit. Knapp die Hälfte der gesamten deutschen Bevölkerung traut sich kein Urteil zu, ob die Marktwirtschaft das beste System ist oder eine andere Marktordnung, wie aus der Studie hervorgeht. Die Umfrage wurde für die Bertelsmann-Stiftung durchgeführt.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos verteidigte das Modell der sozialen Marktwirtschaft. "Ohne die Überzeugung, dass freie Märkte und nicht staatliche Dekrete die Kräfte unseres Landes am besten zur Entfaltung bringen, hätten wir diesen historisch einmaligen Aufstieg wohl nie geschafft", sagte der CSU-Politiker dem Blatt laut Vorabmeldung.

An diesem Donnerstag plant das Bundeswirtschaftsministerium eine Festveranstaltung zum 60. Jahrestag der Wirtschafts- und Währungsreform unter dem Motto "60 Jahre Soziale Marktwirtschaft". Merkel würdigte die Währungsreform vom 21. Juni 1948 als "Ereignis von wegweisender Bedeutung". Sie sprach von einem "mutigen Schritt" Ludwig Erhards vor 60 Jahren. Erhard - damals Direktor der Wirtschaftsbehörde der britisch-amerikanischen Zone, später Bundeswirtschaftsminister - verkündete eine Aufhebung der Preiskontrolle und die weitgehende Lockerung der Bewirtschaftung. Nach der Währungsreform habe das Wirtschaftswunder begonnen, erinnerte Merkel.

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