Soziale Verantwortung der Unternehmen
Wirtschaft ist Müntefering Schritt voraus

Deutschen Unternehmen mangele es an sozialem Verantwortungsbewusstsein, hatte Franz Müntefering ihnen vor einigen Tagen vorgeworfen und sie zugleich aufgefordert, an alle Menschen im Land zu denken - nicht nur an Aktionäre und Analysten. Doch was der SPD-Chef von der Wirtschaft verlangt, haben Betriebswirte und global agierende Konzerne schon vor längerer Zeit erkannt. Es wird seit Jahren an deutschen Hochschulen gelehrt und in der Praxis umgesetzt. Und das nicht aus Nächstenliebe, sondern aus purem Eigeninteresse.

DÜSSELDORF. Zwar ist das angeprangerte kurzfristige Shareholder-Value-Denken - die reine Orientierung auf den Nutzen für Aktionäre - noch Triebfeder in so manchem Manager-Kopf, berichtet der Professor für Nachhaltigkeit und globale Ethik der privaten Leipziger Handelshochschule (HHL), Andreas Suchanek. Doch der so genannte Stakeholder-Ansatz gewinne in den Vorständen zusehends an Bedeutung. Die sich in Deutschland seit Anfang der 90er Jahre langsam verbreitende Philosophie berücksichtigt alle Interessengruppen (Stakeholder) des Unternehmens: Mitarbeiter, Staat, Kunden, Lieferanten, Banken, Öffentlichkeit und natürlich auch die Aktionäre. "Wir glauben, dass dies zu unserem dauerhaften Erfolg beiträgt", heißt es in einem aktuellen Bericht des Ludwigshafener Chemieriesen BASF. Zwar muss meist kurzfristig auf Gewinn verzichtet werden. Langfristig hat die Strategie nach Meinung vieler Wirtschaftswissenschaftler aber positive Effekte auf Ertragslage und Börsenwert.

Gerade in der deutschen Chemie-, Pharma- und Finanzbranche sei mittlerweile erkannt worden, wie wichtig der Dialog mit den "Stakeholdern" ist, sagt der Leipziger Professor. Und der Stakeholder Relations Manager der Bayer AG, Uwe Brekau, fügt hinzu: "Bei Firmen, denen der Verbraucher nicht traut, kauft er nicht." Das Leverkusener Unternehmen beschäftige deshalb eine handvoll Mitarbeiter, die sich ausschließlich um die verschiedenen Interessengruppen kümmern. Darüber hinaus seien noch eine Menge Leute nebenbei mit der Aufgabe betraut. Welche finanziellen Zugewinne die Philosophie dem Bayer-Konzern seit ihrer Einführung gebracht hat, vermochte Brekau nicht zu sagen.

Beim Stakeholder-Ansatz geht es dem Bayer-Manager zufolge aber nicht darum, alle Wünsche von Mitarbeitern, Lieferanten oder der Öffentlichkeit zu erfüllen. Vielmehr gehe man auf die Interessengruppen ein und berücksichtige sie bei Entscheidungen. Dadurch bekomme ein Unternehmen mehr Verständnis für das, was es tut, auch wenn es unangenehm ist, sagt Brekau. Wissenschaftler Suchanek gibt ein Beispiel: Es sei nicht möglich, nach der Ansiedelung der Posttochter DHL in Leipzig auf Nachtflüge zu verzichten, obwohl das Anwohner fordern. Trotzdem müsse man sich mit diesen Menschen reden und dürfe sie nicht ignorieren.

Einen groben Verstoß gegen das Stakeholder-Prinzip leistete sich Deutsche-Bank-Chef Ackermann Anfang des Jahres, als er Rekordgewinne und Entlassungen fast in einem Atemzug verkündete. Was folgte, war ein Sturm der Entrüstung.

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