SPD auf der Suche nach dem Merkel-Herausforderer
Kandidat ohne Kandidatur

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier wird längst als Kanzlerkandidat der SPD gehandelt. Doch Steinmeier selbst schweigt und schweigt - und bereitet sich hinter den Kulissen vorsichtshalber doch auf den Ruf der SPD für den Spitzenposten im Wahlkampf 2009 vor.

BERLIN. In der Kombination von rotgoldenem Pantoffel und Anzug sieht Frank-Walter Steinmeier etwas tapsig aus, als er durch das buddhistische Kloster Nanzenji schlurft. Gerade hat er das G8-Außenministertreffen im japanischen Kyoto hinter sich gebracht. Jetzt will der Außenminister kurz vor dem Rückflug eine halbe Stunde der Ruhe genießen. Im Schnelldurchgang führt ihn der Abt am Zen-Garten vorbei.

Dann tritt Steinmeier vor ein Wandgemälde aus dem 16. Jahrhundert, der Mönch erzählt die dazugehörige Geschichte vom Kampf des Tigers gegen den Elefanten. Und schwups, die innere Ruhe ist dahin. Der Hälfte der Delegation aus Deutschland schießt sofort der Gedanke an die SPD und Kurt Beck durch den Kopf. Denn egal wie viele Kilometer sich Steinmeier derzeit von Berlin entfernt, das Thema begleitet ihn auf Schritt und Tritt.

Immerhin reist der Außenminister seit einigen Tagen als unerklärter, aber gefühlter Kanzlerkandidat der SPD durch die Welt. Varianten gibt es eigentlich nur noch bei den Begleitkommentaren: Steinmeier soll es machen, kann es machen, muss es machen, macht es notgedrungen, darf es noch nicht sagen. Nur eine Minderheit sagt: er will es auch. Steinmeier selbst schweigt und legt wie zum Trotz mit Reisen nach Russland, China, Nahost und Japan den Turbogang in der Außenpolitik ein.

Und das soll der "Tiger" der Sozialdemokaten sein, der den "Elefanten" Beck in die Flucht schlägt, dem alle bei eigener Kandidatur einen Absturz der SPD 2009 vorausssagen? Ein ums andere Mal hat der SPD-Vize Steinmeier schließlich in den vergangenen Monaten Alleingänge seines Parteichefs geschluckt - beim Arbeitslosengeld, dem Verhältnis zur Linkspartei oder der SPD-Präsidentschaftskandidatin.

Doch das "System Steinmeier" funktioniert nicht mit lustvollem Beißen. "Soll er fauchend in die Arena treten und dann von Elke Ferner abgeschossen werden?", antwortet ein enger Vertrauter mit Verweis auf die reflexhaften Attacken der linken SPD-Fraktionsvize auf alles, was aus der "rechten" Parteiecke kommt. Steinmeier möchte anders enden als der junge Tiger in der japanischen Geschichte, der den Elefanten zwar reizt, sich dann aber in einen Bambus-Wald flüchten muss.

Nach Macht-Mensch klingt das nicht gerade. Aber es ist nicht das erste Mal, dass Steinmeier ungewohnte Wege geht. 2003 hat er die "Agenda 2010" geschneidert, als sich die Mehrheit der SPD innerlich bereits von der Regierungsverantwortung verabschieden wollte. Karrieremäßig gedrängelt hat er als Poli-Manager aber nie - und wurde dennoch im Rekordtempo in immer höhere Ämter gebeten. Es gibt wohl niemanden in dieser Berliner Republik, der wie er in Spitzenämter wie die des Kanzleramtschefs, des Außenministers, des Parteivize und des Vizekanzlers hineingestolpert ist. Insofern wirkt die Kanzlerkandidatur wie der nächste logische Schritt.

Wer angesichts des Schweigens rätselt, was den Mann umtreibt, muss sich deshalb zwei Schlüsselszenen anschauen. Die eine spielt im "Cafe Einstein" in der Kurfürstenstraße, einer jener Adressen in Berlin, in die man Treffen verlegt, wenn sie nicht geheim bleiben sollen. Da sitzen Steinmeier und Beck, der studierte Sohn eines Tischlers und der ausgebildete Elektromechaniker, die unterschiedlicher nicht sein können. Ein Fotograf hält die traute Stimmung an jenem 28. April 2008 fest. Tatsächlich schließen beide Männer dabei einen Pakt: Der Tiger reizt den verwundeten Elefanten nicht, dieser schützt ihn dafür mit seinem breiten Rücken gegen Angriffe aus den eigenen Reihen - zumindest bis zu den bayerischen Landtagswahl. Konsens und Einbindung statt Getöse. Das hat Steinmeier seit 2005 auch als außenpolitische Philosophie gelebt.

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