SPD
Becks Rätsel

Wenn es eigentlich niemand mehr erwartet, schließt die sonst so tief zerstrittene SPD ihre Reihen ganz fest. Sogar um ihren Parteichef Kurt Beck. Aus seinem Munde floss vor der Bundestagsfraktion der Satz, er klebe an keinem Stuhl. Der Stuhl, auf dem er sitzt, ist der des Parteivorsitzenden. Im normalen politischen Sprachgebrauch ist ein solcher Satz die klassische Rücktrittsdrohung einer zermürbten Führungskraft. Durchsetzungsfähige Spitzenpolitiker fassen sich meist mit einem schlichten "Basta" kürzer.

Der Zweck der Rücktrittsdrohung, egal, wie sie daherkommt, ist gemeinhin, allzu frei agierende Hinterbänkler auf Kurs zu bringen. Genau dies ist auch Beck am Dienstag mit seiner Rede vor der SPD-Bundestagsfraktion vorzüglich gelungen. Wie gleichgeschaltet verbreiteten die Abgeordneten auf dem traditionellen Sommerfest der SPD die Kunde von einer wirklich guten Rede Becks, die den Rechten wie den Linken zutiefst aus dem Herzen gesprochen habe. Ehrlichen Beifall habe es gegeben und nicht nur "Stützapplaus", der zu früheren Gelegenheiten von den Vorleuten einzelner Parteigruppierungen taktisch inszeniert wurde. Nur eine Rücktrittsdrohung, die wollte niemand gehört haben.

Die SPD-Abgeordneten haben trotzdem verstanden: Wenn Beck als Parteichef abdanken sollte, dann stehen sie mit leeren Händen da. Auf dem Schleudersitz an der Parteispitze dürfte nach allen Querelen um Beck und seine diversen Vorgänger nun niemand mehr freiwillig Platz nehmen. Nur deswegen geschah nach Wochen des Beck-Bashings das Wunder von Berlin: Die SPD-Fraktion steht geschlossen hinter ihrem Parteichef. Sie können zwar nicht mit ihm - ohne ihn aber erst recht nicht.

Der zweite Stuhl ist im übertragenen Sinne noch in der Fertigung: der des Kanzlerkandidaten für 2009. In der Partei rechnet kaum jemand mehr damit, dass Beck jemals auf diesem Sitz Platz nehmen wird. Gefühlt ist SPD-intern die K-Frage längst zugunsten von Frank-Walter Steinmeier entschieden. Nicht von ungefähr wurde der Außenminister und Vizekanzler auf dem niedersächsischen Landesparteitag bereits als künftiger Kanzler begrüßt.

Seit Beginn dieser Woche senden Beck und Steinmeier nun ein Signal enger Zusammenarbeit nach dem anderen aus. Beide verfolgen damit nur ein Ziel: dass die Nominierung nicht schon jetzt unkontrolliert herausrutscht - womöglich wieder aus dem Munde des Parteichefs, ähnlich wie es im Frühjahr beim Kurswechsel im Umgang mit der Linken nach der Hessenwahl geschah.

Nichts fürchten Sozialdemokraten mehr, als dass Steinmeier in einer langen Kandidatur so verschlissen wird wie Beck im Parteivorsitz. Bis zum Frühjahr 2009 ist Steinmeier als Vizekanzler eng eingebunden in die Große Koalition mit der Wahlkampfgegnerin Angela Merkel (CDU). Becks wichtigstes Ziel muss es daher sein, die K-Frage noch lange, am besten bis nach Weihnachten, offenzuhalten. Wie dies im richtigen Leben gelingen kann, wenn das Tandem Beck/Steinmeier gleichzeitig bei den Wahlkampfvorbereitungen kräftig in die Pedale treten soll, ist nicht nur Sozialdemokraten ein Rätsel.

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