SPD-Chef im TV-Kreuzfeuer Der abgekämpfte Herr Schulz

Zur Halbzeit der neuen GroKo-Verhandlungen zeigte sich der SPD-Chef im ZDF ein bisschen müde und manchmal geradezu unterschwänglich – doch vor allem in der Europapolitik beinahe euphorisch.
Update: 12.01.2018 - 22:51 Uhr 1 Kommentar
Bundesminister Schulz? Nach der Einigung bei den Sondierungen schließt das der SPD-Chef nicht mehr aus. Quelle: Reuters
Merkel und Schulz

Bundesminister Schulz? Nach der Einigung bei den Sondierungen schließt das der SPD-Chef nicht mehr aus.

(Foto: Reuters)

BerlinSchwierige Auftritte hat Martin Schulz in dem fast ganzen Jahr, in dem er inzwischen SPD-Chef ist, schon einige absolviert. Am frühen Freitagabend im ZDF hatte er einen besonders schwierigen: zur Halbzeit des zweiten Koalitionsbildungs-Versuch nach der Bundestagswahl 2017.

Erwartungsgemäß hauten die Moderatoren Bettina Schausten und Peter Frey ihm nicht nur einmal seine Äußerungen vom Wahlabend, an dem er eine weitere Große Koalition konsequent ausgeschlossen hatte, um die Ohren. „Das ist keine 180-Grad-Wende“, verteidigte sich Schulz. Außer auf „die Jamaikaner“, die die erste Koalitionsbildung eben „an die Wand gefahren“ hatten, berief er sich gleich dreimal auf die ausdrückliche Aufforderung des Bundespräsidenten, wieder mit der Union zu reden.

Ebenfalls erwartungsgemäß zitierten die Interviewer tagesaktuelle Sozialdemokraten-Kritik an den nur wenigen SPD-Zielen, die im Sondierungspapier erreicht würden. Von solcher Kritik war schon in der „heute“-Sendung zuvor die Rede gewesen, und im weiteren Verlauf des „ZDF Spezial“, in das das Schulz-Interview eingebettet war, folgte noch mehr.

Schulz wirkte zwar – kein Wunder nach den langen Verhandlungsrunden – müde (wobei die Studio-Scheinwerfer, die sich ununterbrochen in seinen Brillengläsern spiegelten, diesen Eindruck vermutlich verstärkten). Doch auf solche Fragen zeigte er sich gut vorbereitet und hatte sogar große Worte parat: So werde die SPD etwa „eine der größten Ungerechtigkeiten“ in der Sozialpolitik abstellen und die Parität in der Krankenversicherung wiederherstellen

Auf die einzige, via Facebook gestellte Zuschauerfrage, die Schausten und Frey an Schulz weitergaben, warum der Spitzensteuersatz nicht erhöht werde, gab er sich burschikos: „Nee, haben wir uns nicht durchgesetzt“, die Union habe da auch „massiv gemauert“. Doch die angekündigte Abschaffung des Soli werde mittlere und untere Einkommen entlasten. So steigerte sich Schulz geradezu in eine Aufzählung von „Leuchttürmen“ hinein, die die SPD für alleinerziehende Mütter und Familien erreichen könne: Dinge, die „den Lebensalltag der Menschen besser machen“ würden. „Wir werden das führende Land der Europäischen Union!“, rief er dann noch aus.

Da hakten die Moderatoren natürlich ein. Schließlich steht etwa vom eigenständigen Europäischen Finanzminister, der spektakulärsten europapolitischen Idee des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, nichts im Sondierungspapier. Es stehe sogar „sehr viel Konkreteres drin“ als Macron bisher geäußert habe, im Papier, das er „in wesentlichen Teilen“ selbst geschrieben habe, entgegnete Schulz. Es bedeute eine europapolitische „Trendwende“.

Folglich fragte Schausten, ob der SPD bei solchem „europapolitischen Furor“ selbst Außenminister anstelle seines Parteifreunds und Vorgängers als Parteichef Sigmar Gabriel werden wolle. Schulz dementierte nicht, sondern kündigte bloß an, Personalfragen erst am Ende des Regierungsbildung-Prozesses klären zu wollen.
Dass tatsächlich noch einiges dazwischen kommen kann, war natürlich ebenfalls Thema. Wenn er auf dem Parteitag am 21. Januar, auf dem die SPD über ihre Regierungsbeteiligung abstimmen wird, keine Mehrheit bekommt, „was macht Martin Schulz dann?“, lautete eine Frage. „Dann ist er traurig“, antwortete Schulz für seine Verhältnisse unterschwänglich – und das wirkte, was immer man sonst von seinem Agieren hält, überzeugend.
Spannender als es in den vergangenen Monaten war, wird es auf bundespolitischer Ebene jedenfalls wieder. Dass an Streitpunkten kein Mangel herrschen dürfte, machte der kurze Fragekomplex zum Thema Flüchtlingspolitik deutlich. „Wenn mehr als 220.000 kommen, dann kommen mehr als 220.000“, interpretierte Schulz Sondierungspapier-Sätze, die zumal CSU-Vertreter völlig anders interpretieren dürften.
Diese Spannung färbte sogar auf die routinierten ZDF-Moderatoren ab, die ihr oft etwas albernes Satzergängungs-Spiel, mit dem die „Was nun?“-Interviews traditionell enden, spontan wieder aufgaben, um lieber weiter einfach offene Fragen zu stellen. Von denen dürfte es noch viele weitere geben.

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1 Kommentar zu "SPD-Chef im TV-Kreuzfeuer: Der abgekämpfte Herr Schulz"

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  • :-), bis in 4 Jahren, dann gibt's Verlängerung um 4 Jahre...

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