SPD-Chef Kurt Beck
Der Notvorsitzende

Am heutigen Montagabend tagt der Koalitionsausschuss. Die Union trifft auf eine unberechenbare SPD, denn Parteichef Kurt Beck findet keine klare Taktik für seine angeschlagene Mannschaft. Der Pfälzer erweist sich nicht als der moderne Parteiführer, den die Sozialdemokraten gerne hätten.

BERLIN. Nichts ist exotischer als der Alltag, schon gar nicht der von SPD-Abgeordneten: „Du, was hältst du vom Kurt?“ – „Der macht das doch ganz gut!“ – „Wie meinst du denn des?“ – „Der will keinen Krieg, keine Raketenschilder, keine Steuergeschenke für Reiche, aber den Mindestlohn!“ – „Betrifft dich einer dieser Pläne?“ – „Ei, nein, aber das kommt doch bei de Leut’ an!“

Hoffnungsträchtige Dialoge wie dieser im Willy-Brandt-Haus sind kein Witz. Im Gegenteil: Sie haben immer dann Konjunktur wenn Genossen die Welt durch die Parteibrille sehen. Viel Grund zur Zufriedenheit haben sie indes nicht: Die Aktien der Partei sinken und sinken. 13 Monate Kurt Beck als Vorsitzender heißt: Alle üben jetzt den Durchhaltewillen, den schon Gründervater August Bebel beispielhaft vorführte. Viele in der 144 Jahre alten SPD resümieren trotzig: „Die bösen Ein-Jahr-Geschichten über Kurt sind uns egal. Die hatten wir schon unter Adenauer so.“ Kurt dagegen habe das Ohr am Maul des kleinen Mannes.

Nur funkt der wohl auf unbekannten Frequenzen. Die Wähler „draußen im Land“ und jenseits der Parteigrenzen bekunden anderes als das, was in den Hörmuscheln des Willy-Brandt-Hauses ankommt. Mal sind es 30, mal 32 Prozent, jetzt wieder nur 29 Prozent, die die alte Tante SPD wählen würden. Selbst die große Koalition, in die Schröder die Partei rettete, ist verpönt: Knapp 60 Prozent erkennen darin einen „Verrat an Prinzipien“. Nähme Beck das Gerede von der Zweidrittelgesellschaft ernst, müsste er finden: Das untere Drittel geht uns flöten.

Kein Wunder, dass jetzt der Zockergeist durch die Partei weht: Aufgeben oder Einsatz verdoppeln! Der Mindestlohn muss her, der störrische Koalitionspartner CDU von der neoliberalen Seuche befallen sein. Beck gibt den „Buddha mit Sprengkraft“ (Andrea Nahles), im heutigen Koalitionsausschuss wird sein Wüten Thema sein. Doch er ist dazu gezwungen – die SPD, nicht erst seit Beck, steht übler denn je da: Die Mitglieder laufen weg, die Wähler bleiben aus, Gewerkschafter gehen stiften, und „Die Linke“ frohlockt.

Konnte Willy Brandt noch das einmillionste Mitglied per Handschlag begrüßen, hat sich die Mitgliederzahl bereits halbiert. Jeden Monat wandern weitere 3 000 ab. Der Beck-Effekt? Das trübe Fazit im Frühsommer 2007: Nicht einmal die Hälfte der Bürger wusste nach einem Jahr Amtszeit, wie der SPD-Vorsitzende heißt. Als wäre der gelernte Elektriker nie aus seiner Staatskanzlei in Mainz aufgebrochen, um die Republik zu erobern. Für diesen spektakulären Ausstieg aus der Champions-League gibt es Gründe. Beck, der Bundeskanzler werden will, ist beileibe nicht der einzige – aber ein konkreter.

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