SPD-Kanzlerkandidat
Frank-Walter Steinmeier: Chefstratege der Agenda 2010

Die SPD kürt mit Frank-Walter Steinmeier ihren beliebtesten Politiker zum Kanzlerkandidaten. Über zwei Drittel der Deutschen sind mit seiner Arbeit als Außenminister zufrieden - von SPD-Chef Kurt Beck sagt das einer ARD-Umfrage zufolge nur jeder Fünfte.

HB BERLIN. Dennoch ist fraglich, ob ausgerechnet der Chefstratege der Agenda 2010 seine über die Reformpolitik heftig zerstrittene Partei gegen die noch beliebtere Kanzlerin hinter sich einen kann. Die Aufgabe wird dem 52-jährigen Juristen sein ganzes diplomatische Geschick abfordern. Den Wählern wird der häufig etwas spröde wirkende SPD-Vize erklären müssen, wohin er Deutschland führen will.

Steinmeiers Aufstieg war ebenso rasant wie erstaunlich: Noch bei der Regierungsbildung im Herbst 2005 erwartete kaum jemand, dass der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering ihn zum Außenminister machen würde - auf Drängen von Noch-Kanzler Gerhard Schröder. Dass Steinmeier dann im Mai 2007 SPD-Vize wurde, hatte nicht nur damit zu tun, dass die SPD ihre Spitze erneuern musste. Es zeugte auch davon, dass er geräuschlos zum selbstverständlichen Anwärter auf Führungsposten geworden war.

Sein Interesse an der Kanzlerkandidatur hatte Steinmeier nie öffentlich artikuliert. Auch ist nicht bekannt, dass er jemals wie sein Mentor Schröder an den Gitterstäben des Amtes gerüttelt hätte. Möglicherweise unterschätzte Beck deshalb Steinmeiers Ambitionen. Diskret ließ er von Vertrauten seine Bereitschaft streuen, so dass er am Ende als der unaufhaltsame Kandidat erschien. Zum Schluss stand der Eindruck, Beck entscheide nicht souverän als starker Parteichef, sondern gebe nur noch seinen Segen zu einer Entscheidung außerhalb seiner Reichweite.

Damit hat sich Steinmeier von dem unglücklich agierenden Beck freigeschwommen. Der im Hintergrund eingefädelte Coup darf als Beispiel gelten für die Effizienz und das Geschick der grauen Eminenz Steinmeier. Erst mit seiner Bestallung zum Chef des Kanzleramtes unter Schröder war es der ersten rot-grünen Koalition gelungen, nach einem chaotischen Start zu einem geordneten Regierungshandeln zu finden. Wie man regiert, muss ihm niemand erklären - fachlich hat er den Chefposten drauf.

Aber zunächst müsste er die Wahl gewinnen. Bisher hat er sich einem Wählervotum nie gestellt, sein Ticket in höchste Ämter war die Karriere von Gerhard Schröder. In Brandenburg will er 2009 erstmals ein Direktkandidat für den Bundestag gewinnen.

Bei Steinmeier ist nicht zu befürchten, dass er in den unzähligen Wahlkampauftritten Brutto mit Netto verwechselt, wie einst der glücklose Rudolf Scharping. Sein Problem dürfte die eigene Truppe werden. Im kleinen Kreise macht er keinen Hehl daraus, dass er voll hinter der Agenda 2010 steht, von der sich viele linke Genossen nach einer langen Leidenszeit mit Parteiaustritten und Wahlniederlagen endlich befreien wollen. Erst vergangene Woche distanzierten sich 60 führende SPD-Linke vom Agenda-Kurs. Schröder ist zwar weg, aber Steinmeier noch immer da - jetzt mehr denn je.

Was Beck bisher nicht gelungen ist, muss nun ausgerechnet Steinmeier versuchen: die Partei zu einen. Politische Weggefährten weisen darauf hin, dass er mehr Emotionen in die SPD investiere als nach außen erkennbar sei. Wie viele andere fürchte er, dass ein Absturz bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr das Ende der SPD als große Volkspartei besiegeln könnte. 2009 gilt auch als seine einzige Chance, als Spitzenkandidat zumindest den Anspruch auf das Kanzleramt zu zeigen. "Danach kommt die Generation von Gabriel und Wowereit", sagt ein Insider mit Blick auf den Umweltminister und Berlins Regierenden Bürgermeister.

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