SPD-Kanzlerkandidat
„Schulz hat das Image eines sachlichen Sparkassendirektors“

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„Lindner ist einige Schritte voraus“

Anders gefragt: Ist er zu nett, um Kanzler zu werden?
Das hängt mit der Grundhaltung dieses Menschen zusammen. Martin Schulz ist ein aufrichtig höflicher Mensch, ohne jeden Hang zur Selbstinszenierung. Da kommt er im Bundestagswahlkampf aber nicht drum herum.

Keine Selbstdarstellung, keine Chance?
Nennen wir es das Offenbaren von Persönlichkeit. Darum geht es. Und ja, Martin Schulz muss sich ein Stück weit offenlegen, damit sich Menschen mit ihm identifizieren können.

So, wie es FDP-Chef Christian Lindner seit geraumer Zeit tut?
Aus Markensicht ist ihm Christian Lindner einige Schritte voraus. Erstens: Auch Lindner hat dieses Gespür für den perfekten Moment. Zweitens: Lindner redet Klartext. Und drittens: Lindner und die FDP haben sechs zentrale Themen entwickelt, die im Wahlkampf im Vordergrund stehen.

Und das hilft, seine eigene Markenposition zu stärken?
Absolut. Eines dieser Themen lautet: weltbeste Bildung für jeden. Ein enorm relevantes Thema mit enorm hohem Nutzen. Viele Väter und Mütter erkennen, dass es in unseren Bildungseinrichtungen an Pädagogen und Ausstattung fehlt. Es ist eine Forderung der FDP, über die man streiten kann, aber es ist eine Forderung, die konkret und relevant ist.

Die FDP kann also entspannt auf die Bundestagswahl blicken?
Die sechs Themen der FDP sind nicht für den Wahlkampf kreiert worden, sondern 2014 in einem umfangreichen Selbstfindungsprozess entstanden. Ich erkenne da strategisches, kein aktionistisches Vorgehen. Die FDP ist 2017 wieder eine echte Marke. Der Wähler sieht: Diese Partei hat wieder eine Haltung entwickelt. Marke braucht Haltung.

Während bei Martin Schulz…?
… ich genau diese Haltung vermisse. Da fehlt mir der Gegenentwurf zu Merkel.

Wie sollte dieser denn aussehen?
Angela Merkel regiert abwartend, reaktiv. Das Land lechzt doch förmlich nach einem Gegenentwurf. Martin Schulz will Wandel und Aufbruch verkörpern – in einem Land, in dem es sehr vielen Menschen gut geht. Da fehlt es an konkreten Projekten. Und: Er muss viel mitreißender als Frontmann agieren als bisher.

Die SPD beginnt zu poltern. CDU und CSU würden „in alten Rollenbildern verharren“, die SPD hingegen hätte „Herausragendes“ geleistet, hieß es zuletzt.
Das schönt nur die eigene Leistung. Ein Blick in die Vergangenheit, mehr nicht. Jetzt braucht es aber klare Visionen und Projekte für die Zukunft unseres Landes.

Wie bewerten Sie das Verhalten von Martin Schulz bei den drei vergangenen Landtagswahlen 2017?
Schulz hat sie alle abgewartet, bis er erstmals konkrete Inhalte geliefert hat. Er wollte sich nicht in den Landtags-Wahlkampf einmischen. Das ist Schulz’sche Höflichkeit, aus Markensicht jedoch ist er da auf dem Holzweg. Er hat eine gute Chance verpasst, die zu diesem Zeitpunkt vorherrschende Aufbruchsstimmung rund um seine Kandidatur in die Länder hineinzutragen und das Image der SPD weiterzuentwickeln.

Leben totgesagte Marken länger?
Sie leben von Vertrauen, Identifikation und Attraktivität. Das entsteht nicht über Nacht. Fakt ist: Martin Schulz hat noch drei Monate Zeit. Jeder Tag, in dem er es nicht schafft, seine Persönlichkeit greifbar zu machen, ist ein Tag, der Angela Merkel einen Schritt näher zur nächsten Kanzlerschaft bringt.

Herr Spall, vielen Dank für dieses Interview.

Christopher Spall ist Experte für die Markenentwicklung von Organisationen und Persönlichkeiten. Er ist Geschäftsführer der Markenidentitäts-Beratung Spall.macht.Marke in Nürnberg.

Leonidas Exuzidis
Leonidas Exuzidis
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

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