SPD-Kanzlerkandidat Sigmar Gabriel
Der Effenberg der deutschen Politik

Sigmar Gabriel erklärt plötzlich seine Kanzlerkandidatur – zwei Jahre vor der Wahl. Was ungeschickt früh erscheint, ist in Anbetracht des schwindenden Rückhalts für Merkels Flüchtlingspolitik eine Kampfansage.
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Sigmar Gabriel wird zuweilen wie ein Stefan Effenberg der deutschen Politik betrachtet: Präsent, aber poltrig – ein Mann, dessen Ambition und Ansagen größer scheinen als seine Substanz. Immer wenn er einen politischen Elfmeter zu verwandeln hat, wird ihm sein Temperament zum Verhängnis.

So wie vor wenigen Tagen, als die Union sich in der Migrationskrise zerstritt, da hätte er als souveräner Vizekanzler der Ruhe im ZDF punkten können, pöbelte aber die Moderatorin Bettina Schausten derart rüde und unnötig an, dass alle nur wieder über „Schiffschaukelbremser-Siggi“ den Kopf schüttelten.

Vor genau sechs Jahren ist Gabriel zum SPD-Parteivorsitzenden gewählt worden, weil die SPD damals in die bittere Mittzwanziger-Zone der Wahl- und Umfrageergebnisse abgestiegen war. Nach sechs Jahren Gabriel-Führung ist sie aus diesem Tal nie mehr aufgestiegen – Gabriels Paderborn heißt SPD. Doch nun erklärt der glücklose Vizekanzler, dessen Energiepolitik ebenso schlingert wie sein geliebter VW-Konzern, urplötzlich die Kanzlerkandidatur.

„Natürlich will ich Bundeskanzler werden“, lässt er sich im Stern zitieren. Der Vorgang ist verblüffend, denn es sind noch zwei Jahre bis zum Wahltermin im September 2017. Doch die Sache funktioniert, denn nun ist er per kühnem Presseinterview zum schnellsten Kanzlerkandidat der Bundesrepublik geworden.

Das passt zu seinem Temperament, schließlich prescht er – anders als Angela Merkel – lieber mit Getöse vor, als sich leise abzusichern. Im politischen Berlin wird allerlei Häme über Gabriels Eigenkrönung verbreitet. Er sei ein „Möchtegern-Kanzler“, ein „Siggi auf der Siegessäule“.

Der Meinungsforscher und Forsa-Chef Manfred Güllner analysiert vernichtend: „Wenn man die aktuelle Lage betrachtet, hat er keine Chance. Bei der Kanzlerpräferenz liegt Angela Merkel unverändert weit vor Sigmar Gabriel. Er bewegt sich mit seinen Werten fast aus dem Niveau von Kurt Beck, der wohl der schwächste Vorsitzende in 150 Jahren SPD-Geschichte war. Selbst Rudolf Scharping hatte bessere Werte, bevor er von Oskar Lafontaine vom Thron gestoßen wurde. Sigmar Gabriel hat bisher noch kein richtiges Profil gewonnen. Stand heute halte ich es für unvorstellbar, dass er Angela Merkel aus dem Kanzleramt vertreiben kann.“

Güllner erinnert daran, dass nur 35 Prozent der SPD-Mitglieder Gabriel für den besten Kanzlerkandidaten halten: „Wenn die eigenen Leute nicht an den Sieg glauben und eigentlich schon aufgegeben haben, ist das natürlich ein großes Problem.“ Tatsächlich kam aus der SPD noch vor wenigen Tagen der demütigende Vorschlag, die SPD bräuchte besser eine Doppelspitze.

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Schwere Risse in Merkel Machtfundament

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  • Man mag zu Herrn Gabriel stehen wie man will - aber der Vergleich mit Effenberg stellt, nicht nur unter intellektuellen Aspekten, eine Beleidigung dar, und zwar für jedermann.

  • Wenn ich die sonstige Namen in dem Artikel lese, dann wird mir ebenfalls schlecht.
    Von diesen aufgezählten Typen ist doch keiner fähig Kanler/in zu sein.

  • Herr Metz, da brauchen Sie keine Angst zu haben, die AfD wird niemals federführend an die Macht kommen.
    Ein internationales Netzwerk würde umgehend alles Entsprechende dafür in die Wege leiten, um eine Machtausübung der AfD zu verhindern
    Ähnliches hatten wir schon mal im Januar 2000, vierzehn der damals noch fünfzehn Mitgliedstaaten der EU teilten mit, sie würden das 15. Partnerland Österreich diplomatisch künftig isolieren, sollte es in Wien tatsächlich zu einer Koalition unter Einschluss der Partei von Jörg Haider kommen.
    Damit wurde damals Haiders Eintritt in die Regierung erfolgreich verhindert.
    Eine zu stark national ausgerichtete deutsche Politik will von denen keiner, wer schlachtet schon gerne seine Melkkuh.

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