SPD-Parteitag
Der Buddha ohne Zündschnur

Die Rückbesinnung auf sozialdemokratische Träume: Auf dem SPD-Parteitag hat Kurt Beck seiner Partei statt Aufbruch und Begeisterung Selbstbesinnung und Ruhe verschrieben. Damit wurde klar: Nicht die Wähler, nicht die „Leute draußen im Land“ peilte der Chef an. Hier ging es um etwas ganz anderes.

HAMBURG. Ein Hammer, dieser Auftritt. Erst stürzt der Mann zum Pult, dann in Emphase. Kaum hat er Luft in die Lungen gepresst, schon reißen seine Worte die Delegierten zu Ovationen hin. In verschwenderischer Manier wirft er ihnen Worte wie Konfetti um die Ohren. Der Mann schreit die Delegierten an: „Es gibt noch Politikentwürfe, für die wir uns begeistern können! Und wenn wir selbst begeistert sind, können wir auch andere begeistern!“ Es ist Umsturz in der Luft, der Kongress tanzt.

Der Hamburger Parteitag der SPD, nach drei Tagen gestern zu Ende gegangen, hat solch rüttelnde Politweisen nicht vernommen. Vor zwölf Jahren, 1995, hatte Oskar Lafontaine Parteichef Rudolf Scharping mit solchem maximalem politischem Drehmoment gestürzt, die SPD in Euphorie versetzt und drei Jahre spätere als Parteichef zum Wahlsieg geführt. Am aufrührerischen „Role-Model“ Lafontaine gemessen, legt Kurt Beck seiner Partei ein bieder gehäkeltes Ruhekissen auf das Kanapee: alte Gewissheiten, gestrige Orientierungen. „Aufschwung für alle“ heißt das Motto des Parteitags, offiziell. Inoffiziell aber: Aufschwung für Kurt. Basta.

In Hamburg stürzt der Chef nicht zum Pult. Sein massiger Körper schwebt dorthin, wie von unsichtbarer Hand geführt. Getragen vom langen Gratisapplaus der Basis in den letzten Wochen hat Beck mit seinem Agenda-Vorstoß lange vor der Rede erreicht, was seine flügellahme Rhetorik nie erreichen kann: Im Streit über den nachhaltigen Rückbau der Agenda 2010, über die Reform der Reform, hat er der SPD eine Identität zurückgegeben, die in der Vergangenheit ankert und nicht in die Zukunft weist, die in den Fundus sozialdemokratischer Gewissheiten an die Zumutungen des Tages führt. Er gibt der Partei ihre alte Corporate Identity zurück. Eine Partei im „Retro“-Look.

Beck selber will nur Zustimmung. So schenkt er der Partei den Stoff, aus dem sozialdemokratische Träume sind: Solidarität, Gerechtigkeit, Freiheit. Als Bonus-Track noch die Selbstvergewisserung, wieder auf der guten Seite der Menschheit zu stehen. Das führt ihm die Partei automatisch zu. Zwar nur mit „Tempo 130“, wie die Delegierten beschließen, dafür umso sicherer. Nicht die Wähler, nicht die „Leute draußen im Land“ peilt der Chef an. Allein die Genossen zählen, jetzt, heute, vorerst. „Man spürt, es geht um das Selbstwertgefühl der Menschen“, sagt er irgendwann mal. Tatsächlich meint er: euer Selbstwertgefühl! Prompt erhält er einen Vertrauensnachschlag von 95,5 Prozent der Stimmen. Und ist Kanzlerkandidat der SPD. Das kann ihm keiner mehr nehmen. Nur er selber. Und die Wahlen am 27. Januar in Hessen und Niedersachsen.

Beck serviert den Genossen jenes Wellness-Happening, das die Mitglieder in den Ortsverbänden, die Magistralen in den Verwaltungen, das die Provinz gegen Berlin auffahren möchte: Eintracht, Harmonie, Glückauf! Kein Streit, kein Ärger, kein Bruderzwist. „Wir wollen Politik nicht über uns ergehen lassen, wir wollen sie gestalten“, gibt Beck ihnen Adrenalin. Und sofort die Beruhigungspille hinterher: „Lasst uns nicht um jede Modernität wie ums Goldene Kalb tanzen.“

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