SPD-Parteitag
Die Rache der Reformer

Altkanzler Gerhard Schröder hatte die Genossen ermahnt: SPD-Chef Kurt Beck solle „gestärkt“ und die Regierungsmitglieder „unterstützt“ werden. Genauso kam es neun Stunden später im Hamburger Congress Center.

HAMBURG. Nicht nur konnte Beck über ein Bomben-Ergebnis strahlen. Bei der Wahl seiner Stellvertreter verwies „Reform-Rambo“ Peer Steinbrück völlig überraschend die Oberlinke Andrea Nahles auf den letzten Platz. Ein linker Delegierter flüchtete sich in selbstironischen Spott: „Linksruck der SPD schon wieder gestoppt“, sei doch eine gute Schlagzeile, meinte er. Ein Vertreter des rechten Parteiflügels wirkte wesentlich zufriedener: „Ich verneige mich vor der Weisheit des Parteitags“, jubelte er.

Am frühen Freitag Abend hatte das Hamburger Delegiertentreffen eine überraschende Wendung genommen. Er kündigte sich mit dem ernsten Ausdruck an, der sich plötzlich auf das Gesicht der Parteilinken Andrea Nahles legte. Jemand hatte ihr vorab das Ergebnis der Wahlen der stellvertretenden Parteichefs zugeflüstert. Platz 1 mit 85,5 Prozent für Außenminister Steinmeier. Platz 2 mit 75,4 Prozent für den wegen seines „Rambo“-Images umstrittenen Finanzminister Steinbrück, dem manche einen Absturz unter 60 Prozent vorausgesagt hatten. Und Platz 3 für die allgemein als hohe Favoritin gehandelte Nahles, die 74,8 Prozent erhielt.

Das ist kein schlechtes Ergebnis. Aber es ist deutlich weniger, als Nahles erwartet hatte. Zu deutlich hatte die Powerfrau aus der Pfalz zuletzt ihre Rolle als „Beck-Flüsterin“ ausgespielt. Von ihr stammte ganz offensichtlich die Idee, das Arbeitslosengeld I wieder länger an Ältere auszuzahlen. Das beschloss der Parteitag am Abend zwar ohne Aussprache. Niemand wollte die Debatte der vergangenen Wochen, in der Vizekanzler Franz Müntefering schwer mit Beck aneinander geraten war, noch weiter fortführen. Doch ganz unterdrücken wollte der Reformflügel seinen Groll über die Hau-Ruck-Wende weg von der Agenda 2010 doch nicht. Deshalb erhielt Nahles einen Denkzettel.

Beck selbst hingegen kann sich im Schein eines Bomben-Ergebnisses sonnen. Satte 95,5 Prozent bestätigten den SPD-Chef im Amt. „Das zeigt, wie groß der Leidensdruck der Partei ist“, urteilte ein prominenter Sozialdemokrat. Die langatmige Rede Becks, die zwei Stunden lang zwischen Arbeitslosengeld, Atomausstieg, dem Lotto-Monopol und der Wehrpflicht mäanderte, ohne eine klare Botschaft auszusenden, war dafür sicher nicht der Grund. „Zumindest war der Kurt authentisch“, trösteten sich die Delegierten nachher. Die freie Rede gehört ganz sicher nicht zu den angeborenen Stärken des Pfälzers.

Doch angesichts miserabler Umfragewerte und wochenlanger Negativschlagzeilen in den Zeitungen sehnt sich die SPD nach einem positiven Signal. Personelle Alternativen zu Beck gibt es ohnehin nicht. Also scharte man sich demonstrativ geschlossen um den Parteichef.

Beck kann sich nun fürs erste als starker Mann der SPD fühlen. Doch auch Vizekanzler Müntefering lächelte zufrieden: Der Dämpfer für Nahles zeigt, dass die Partei ihre Regierungsfähigkeit durch einen Linksrutsch nicht gefährden möchte. Und Außenminister Steinmeier kann noch zufriedener sein: Er bleibt der Edelreservist für die Kanzlerkandidatur.

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