SPD-Parteitag „Europa braucht ein mitfühlendes Herz“

In einer fesselnden Rede hat Helmut Schmidt den Sozialdemokraten auf dem Parteitag sein europapolitisches Vermächtnis mitgegeben und sich für Euro-Bonds stark gemacht. Die Deutschen müssten Solidarität zeigen.
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Altkanzler ruft zu Solidarität in Europa auf

BerlinAm Ende zündet er sich eine Zigarette an, und durch den Saal geht ein lautes Johlen und Kreischen, der Applaus schwenkt über von rhythmisch auf frenetisch. Eine Stunde und zehn Minuten hat er geredet, der Saal ist überfüllt, Hunderte haben keinen Platz gefunden und mussten in den Gängen zwischen den Stuhlreihen stehend zuhören. Die Luft ist dick in der Station Berlin, einem ehemaligen Bahnhof, aber das macht nichts, der Übervater der SPD darf alles, vor allem rauchen.

Und nach dieser Rede sowieso. Die SPD applaudiert stehend gerade einem alten Kämpfer für Europa. Einem, der der SPD auf diesem Parteitag, mitten in der Euro-Krise, sein europapolitisches Vermächtnis mitgibt. Einem, der das große Bild entwirft, denn „im Blick auf Parteipolitik bin ich jenseits von Gut und Böse angekommen“, sagt Schmidt zu Beginn seiner Rede. Er möchte lieber die langen Linien aufzeigen. Und die ließen sich so zusammenfassen: Europa darf nie wieder Angst vor Deutschland haben. Es darf keinen Platz geben für Nationalismus. Es gilt zu kämpfen für Europa.

Rauchen darf im Saal nur einer: Helmut Schmidt. Quelle: dpa

Rauchen darf im Saal nur einer: Helmut Schmidt.

(Foto: dpa)

Vom 30-jährigen Krieg bis zum Zusammenbruch 1945 zieht Schmidt seine Linie – immer sei Europas Geschichte eine Geschichte des Kampfes zwischen dem (deutschen) Zentrum und der Peripherie gewesen. Und insbesondere die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert, die deutsche Besatzung Europas und der Holocaust spielten im Bewusstsein der Nationen Europas „immer noch eine latent dominierende Rolle“. Schmidt: „Wir Deutschen sind uns nicht ausreichend im Klaren darüber, dass bei fast allen Nachbarn wahrscheinlich noch für viele Generationen Argwohn gegen die Deutschen besteht.“ Auch die nachgeborenen deutschen Generationen „müssen mit dieser historischen Last“ leben.

Die europäische Einigung sei eine Reaktion gewesen auf die Erkenntnis, dass dieser Kampf zwischen Europas Zentrum und der Peripherie ein für allemal beendet werden sollte. „Wer dieses Ursprungsmotiv der europäischen Integration (...) nicht verstanden hat, dem fehlt eine unverzichtbare Voraussetzung für die Lösung der gegenwärtig höchst prekären Lage Europas.“ Applaus brandet auf, denn das geht gegen Merkel.

Ohnehin hat Altkanzler Schmidt einige Hiebe für Merkel und die schwarz-gelbe Regierung parat, ohne die Protagonisten beim Namen zu nennen. „Wenn aber ein Deutschnationaler zu verstehen gibt, heute und künftig werde in Europa Deutsch gesprochen“, sagt Schmidt, und er meint damit Unions-Fraktionschef Volker Kauder, „wenn ein deutscher Außenminister meint, Fernseh-geeignete Auftritte in Tripolis, in Kairo oder in Kabul seien wichtiger als politische Kontakte mit Lissabon, mit Madrid (...); wenn ein anderer meint, eine europäische Transfer-Union verhüten zu müssen – dann ist das alles bloß schädliche deutschnationale Kraftmeierei.“ Das saß. Das hört die SPD gerne. Nochmal tosender Applaus.

„Deutschland war über lange Jahre Nettozahler“
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120 Kommentare zu "SPD-Parteitag: „Europa braucht ein mitfühlendes Herz“"

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  • Auch wenn wir unser "Publikum" langweilen, den Tipp mit "A.D." nehme ich mal mit und verweise - auch wenn's jetzt wahrscheinlich zu spät ist, die ARD wird ihn wohl (wegen dem zu erwartenden Einspruch der SPD <g>) leider nicht ausstrahlen - den Zweiteiler "Gewaltfrieden", der "meinen Mann" in der Geschichte in den Mittelpunkt rückt, Harry Graf von Kessler. Und wenn ich schon "Namedropping" mache: Julius Gumbel gehört natürlich auch erwähnt, wenn man mit so etwas wie der NSU konfrontiert ist.

    Okay, dann wollen wir mal das ungeduldige "Publikum", das nach Affirmation und Rudeltreiben schreit, nicht weiter langweilen.

    In diesem Sinne, hardy

  • @ hardy

    Was soll denn dieses Gelaber hier? Wen interessiert das und was hat das mit dem Artikel zu tun? Sie können ja noch den Zusammenhang mit dem Sündenfall aus der Schöpfungsgeschichte darstellen?

  • @ Beobachter

    ..treffend analysiert!!

  • @hardy
    aha, ist Ihnen also aufgefallen. v.Salomon hat zwar in seiner Jugend eine Riesendummheit begangen und saß dafür jahrelang im Zuchthaus, hat dann aber eine Reihe von Büchern geschrieben, die die geistige und politische Situation der Weimarer Republik ziemlch zutreffend beschrieben hat. Ich kann Ihnen mal empfehlen, "Die Geschichte des A.D, ein Mann im Schatten der Geschichte." Der Held wurde in der WeimarerRepublik verurteilt wegen Hochverrats (er hatte angelich als Reichswehroffizier mit den Kommunisten Konspiriert), landete unter den Nazis im KZ wo er in Buchenwald auf der berüchtigten Station für biologische Versuche als Häftling Handlangerdienste leisten musste und anschließend nach Ende des Krieges im Gefängnis wegen dieser Tätigkeit, bis sich seine Unschuld herausstellte. Immerhin eine Karriere der besonderen Art.
    Zu Jünger äußere ich mich nicht. Der Fall ist viel komplexer und unmöglich mit ein paar Zeilen abzuhandeln. Der Mann ist über hundert Jahre alt geworden, da erlebt man so mancherlei und hat auch so mancherlei geschrieben.
    Nur soviel, Goethe können Sie auch nicht auf den Werther reduzieren und eine Verherrlich der Selbsttötung, was man ihm allen Ernstes einmal zum Vorwurf gemacht hat.
    Mit besten Grüßen Rapid

  • ... und ... Jünger ist natürlich nicht Heidegger, mea culp. Aber Heidegger ist auch nicht Montaigne ...

  • Ausnahmsweise mal eine Korrektur:

    "daß überhaut jemand ihren "Übersprungideen" anhängt."

    daß überhaupt jemand _NICHT_ ihren "Übersprungideen" anhängt.

  • >> einigermaßen ertaunt darüber
    >> war mich in einer Reihe mit
    >> Herrn Brevik wiederzufinden

    Ahem, es ging um den Begriff der "Übersprungidee", soweit ich das erinnere, meine jähe Erkenntnis, wie viele hier solche "Übersprungideen" haben und wohin sie führen. Denn - darüber herrscht hoffentlich Einvernehmen - die rechthaberische Ungeduld, mit der hier uninformierte Menschen um den Erhalt ihrer "Prinzenrolle" kämpfen, hat nichts mit "meiner" Republik zu tun - die ist eher Weimar als Bonn.

    Wenn wir schon bei Heidegger sind, dann dürfte Ihnen hier das Herz aufgehen

    http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2011/12/04/dlf_20111204_0930_774a2c50.mp3

    Und seien Sie versichert, selbst wenn ich nicht von Salomon mit Heidegger verwechsele und zwischen den von beiden beschriebenen "Stahlbädern" zu unterscheiden weiss - ich glaube nicht an diese Art von "Taufe" oder die reinigende Kraft einer Katastrophe, die viele hier geradezu herbeisehenen.

    Das Bohren dicker Bretter ist ein unleidliches Geschäft aber so funktioniert nun einmal Demokratie, in dem Akzeptieren der Existenz anderer Überzeugungen und Interessen.

    Bei dem ganzen hysterischen Gekreisch, das hier in Sachen EU und EURO vorzuherrschen scheint: So funktioniert der Stammtisch aber nicht die Welt da draussen - in der haben in den letzten Jahrzehnte eine Menge Menschen damit leben gelernt, daß "andere anders" sind. Mehr "Wir" als "ich ich ich". Der Mensch ist nicht besser geworden, aber er hat gelernt.

    Nur die "Schwach & Sinn"-Adpeten, EU-Neurotiker, Bilderberger-Gläubigen, PI-Jünger und ewig gestrigen, die sich hier an den nationalen Eiern kratzen, die tun sich offensichtlich schwer damit, zu akkzeotieren, daß überhaut jemand ihren "Übersprungideen" anhängt.

    Im Grunde kann ich damit leben, daß Menschen solche Ideen anhängen, ich störe mich eher an den Schulhofmanieren.

  • @hardy
    danke für Ihre Antwort.
    Da wir unser Gespräch nun doch fortsetzen,darf ich Ihnen auch verraten, dass ich den Link zu dem Artikel, den Sie mir empfohlen haben, gefolgt bin und einigermaßen ertaunt darüber war mich in einer Reihe mit Herrn Brevik wiederzufinden.
    Ich wäre Ihen sehr verbunden, wenn Sie nur eine Minute innehalten wüden um darüber nachzudenken, ob Ihr Vermuten angemessen war oder nicht.
    Zu Hannah Arendt wissen Sie vielleicht, dass Frau Arendt sehr eng mit Martin Heidegger befreundet war,der als Nationalsozialist zwar nicht an den Verbrechen beteiligt war aber immerhin in der Anfangsphase der nationalsozialistischen Herrschaft ein Parteigänger A.Hs.
    war.Hannah Arendt hat auch nach Ende des zweiten Weltkrieges ihre Freundschaft, die mehr als nur Freundschaft war, nicht aufgegeben und damit ein Zeichen gegeben über das es sich lohnt nachzudenken.

    Mit freundlichem Gruß Rapid

  • Zur Zen Geschichte - die, wie alle Zen Geschichten keine Antwort nach drei Sekunden erwartet, da wir ja wissen, daß wir nichts wissen und einem Gedanken Raum und Zeit geben, bevor wir zur "Erkenntnis" gelangen, auch am Ende und wenn wir uns die Frage beantwortet haben, es immer noch noch "wissen": Wir sind keine Mönche. Wir sind wie Jan Willem van de Wetering "danach" erst einmal ein Bier trinken gegangen. Und es wäre nicht Zen, wenn wir es nicht beim Fahradreparieren praktizieren würden.

    Das hier ist natürlich auch so etwas wie ein kaouttes Rad, und sowohl Sie als auch ich putzen gerade nicht in einem Kloster die Toiletten. Meine Toilette, die ich gerade gegen meinen Willen putze - mir liegt schon seit mehr als 10 Jahren nichts mehr an öffentlichen Debatten, die habe ich vor 18 Jahren geführt, als man sich noch zuhören und von einander lernen konnte und wollte.

    Im Moment putze ich also die Kloake und verschwende meine Zeit an dumme Menschen, die mir trotz ihrer Dummheit am Herzen liegen.

    Leider braucht es zu Beginn einer solchen Tätigkeit größere - sprich gröere - Werkzeuge, das ist alles.

    In diesem Sinne

  • Ich könnte der lange Liste die Geschichte der ersten Indianer, die von den Spaniern in die Sklaverei gezwungen, nachts in die Wälder gingen, um sich zu erhängen, hinzufügen, die mir in 500 Nations am nähesten gegangen ist.

    Es ist nicht so, daß ich im Wort "Kollektivschuld" nicht eine weitere Anmaßung des "Teutonen" sehen würde, der - wenn er schon der Verbrecher sein soll - dann doch immerhin als der _größte_ Verbrcher da stehen will. Eher so, daß ich der Vorstellung der "banalität des Bösen" Hannah Arendts anhänge, die damals von den über Nacht zu Philosemiten konvertiert, über diese kluge Frau herfielen und ihr g*ttgegebenes Recht auf den Titel des schlimmsten Verbrechens mit aller gebotenen Härte erfochten. Wenn ich eine Geschichte zu erzählen hätte, die den Wahn in ein Bild fasst, dann die vom Mann, der in einem Viehtransporter unter sich ein Leben zertritt, die Fabriken des Todes überlebt und sein Leben lang darunter leidet, getötet zu haben - und es mir egal ist, ob der Mann oder der Tote nun Jude, Zigeuner, schwul oder einfach nur ein "Volksschädling" war. Weil es nicht um 6 Millionen geht sondern immer um den einen.

    In dieser Art von "Rennen" um den "Titel" bin ich nicht drin. Aber - Essig in den Wein neu entdeckter Gemeinsamkeit - ich bin mir auch bewusst, daß es das deutsche Volk war, daß Fabriken baute, um die "nnderen" zu vernichten, weil sie eine "Ekstase" anhngen, die Wolfgang Neuss nur zu schön auf den Punkt brachte.

    Mich interessieren denn auch weniger Plätze auf der Top 10 der Bösewichter, als die Geschichten, die sich abspielten, als die saarländischen und süddeutschen Juden abgeholt wurden. Die vom Tag danach, als die Nachbarn deren Wohnungen pländerten ...

    Ich lese hier eine Menge, die ich mir gut dabei vorstellen kann.

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