SPD-Parteitag
Friede, Freude, Flügelei

Auf ihrem ersten Parteitag in der Opposition sucht die SPD vergeblich nach ihrem inneren Kompass. Die einen sehen die Wirtschaft weiter als Klassenfeind, die anderen setzen auf Wachstum. Eine Versöhnung der Sozialdemokraten ist nicht in Sicht.
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DRESDEN. Im Dresdener Eventwerk sitzt Franz Müntefering am Ehrentisch direkt an der Bühne auf einem Barhocker, eingetaucht ins rote Licht der Festhalle. Um ihn herum feiern die rund 500 Delegierten und Gäste des Parteitags. Seit zwei Stunden ist Müntefering (69) nur noch einfacher SPD-Politiker. Er trinkt sein Bier und redet.

Es ist der Neuanfang für die Genossen. Wie besoffen sind sie noch von der Rede ihres neuen Parteichefs. Sigmar Gabriel betritt gerade die Halle, bahnt sich den Weg durch die Reihen, genießt die Umarmungen, die Schulterklopfer. Dann erblickt der 50-Jährige Müntefering und geht zu ihm. Den Kameratross im Rücken, lachen sie, verteilen Bier von einem vollen Glas auf ein zweites, leeres und prosten sich zu.

Dann platzt die Bombe.

Nur 69,6 Prozent für Andrea Nahles, die neue Generalsekretärin der SPD. Wer sind die Verräter? Wer hat sich nicht an die Absprachen gehalten? Jeder wählt jeden, den Parteichef, dessen Stellvertreter - und die Generalsekretärin. So war es abgemacht. Schluss mit den Lagern. Signale sollten her wie bei Gabriel: 94,2 Prozent. Die Linken haben ihn gewählt und darauf gesetzt, dass die Rechten danach Nahles mitwählen. Als alle ihre Stimmzettel abgegeben hatten, waren alle schnell zur Party gefahren. Feiern. Jetzt erfahren sie das Ergebnis.

SPD reloaded

Am Wochenende hat sich die SPD eine neue Führung gegeben. Nach elf Jahren in der Regierung und acht Vorsitzenden. In der schwersten Krise mit nur noch 23 Prozent im Bund. In Dresden will die Volkspartei den Neustart üben. SPD reloaded oder 2.0, wie so etwas neudeutsch heißt. Sie erneuert sich personell, verabschiedet sich von einem Peer Steinbrück und will künftig inhaltlich Seit' an Seit' marschieren. Wären da nicht die tiefen Gräben.

In der Parteitagshalle umschließt ein rotes Freundschaftsband mit "SPD" darauf das Plenum. Die Tischreihen im Halbrund suggerieren das Gefühl eines Gruppenseminars. Die Bühne ist bewusst niedrig gehalten, das Motto lautet treffend: "Sozialdemokratische Partei Deutschlands". Nicht mehr und nicht weniger.

Mitten im Saal steht das Rednerpult, nah bei der Basis. Sigmar Gabriel steht verschnupft vorn, eine Hand in der Hose. Über die "neunmalklugen BWL-Yuppies" zieht er her, die die Deutungshoheit im Land innehätten. Er lobt den Kündigungsschutz, plädiert für länger gezahlte Arbeitslosenhilfe und den Kampf gegen Altersarmut. Aber er lobt auch Reichtum ebenso wie Unternehmer, Mittelständler, Selbstständige und Manager. "Das sind unsere Partner, nicht der Klassenfeind", ruft er.

Daraus könnte ein neues SPD-Profil erwachsen: Alle ermuntern, etwas zu leisten, die Angst vorm möglichen Abstieg nehmen, dann schultern Starke auch gerne mehr. Fordern und fördern hieß das 2003, Gabriel gibt dem einen neuen Anstrich. Anstatt nach links oder rechts auszubrechen, die eigene Wirtschaftspolitik zu verteufeln oder populistischer als die Linkspartei zu werden, beschwört Gabriel die Einheit.

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  • Arme SPD mit dem roten Tuch Nahles: Andrea Nahles steht in der neuen SPD gleichermaßen für dreiste wie lärmende Torheit! Sonst hat die glücklose Königsmörderin rein gar nichts zu bieten, schon gar nicht ihren endgültigen Abgang ...

    soddemann-aachen@t-online.de
    Dipl.-ing. Wilfried Soddemann

  • Arme SPD mit dem roten Tuch Nahles: Andrea Nahles steht in der neuen SPD gleichermaßen für dreiste wie lärmende Torheit! Sonst hat die glücklose Königsmörderin rein gar nichts zu bieten, schon gar nicht ihren endgültigen Abgang ...

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