SPD-Parteitag inthronisiert neuen Chef
Franz Müntefering: Ein Mann für gewisse Zeiten

Am Samstag will die SPD auf ihrem Sonderparteitag Franz Müntefering zum Vorsitzenden wählen. Der will die Genossen einen - und endlich von ihnen verstanden werden.

BERLIN. Wenn einer wie Franz Müntefering in die Bundespressekonferenz einlädt, strömen Journalisten selbstverständlich herbei - ganz gleich, worum es geht. Er wird sein neues Buch "Macht Politik" vorstellen. Der Titel verrät, wer da vorn umringt von Kamerateams und Fotografen eine Botschaft verbreiten will: ein Machtpolitiker, der die Macht liebt und immer noch gerne Politik macht. Er weiß genau: Zehn Tage sind es noch, dann wird er auf einem Sonderparteitag zum neuen SPD-Parteivorsitzenden gewählt werden.

Entspannt sitzt er an diesem 8. Oktober auf der Bühne und lässt sich lässig in den Sessel fallen. Der Ort der Bundespressekonferenz ist eigentlich einer, vor dem sich die Interviewten fürchten, weil die Journalisten unerbittlich nachfragen. Müntefering aber, dieser drahtige Mann, genießt den Moment, und erzählt: Politik mache Spaß, es gebe den Primat der Politik, er müsse nur angewendet werden. Auf die Bundeskanzlerin sei leider kein Verlass. "Wir wollen nicht defensiv sein", sagt der 68-Jährige. Er werde einen Gesellschaftsentwurf liefern. Die SPD werde die Meinungsführerschaft im Land erobern und Frank-Walter Steinmeier das Kanzleramt.

Müntefering ist wieder da. Mit voller Wucht. Morgen nun wird ihn die Partei zum Vorsitzenden küren und Frank-Walter Steinmeier zu ihrem Kanzlerkandidaten. Von da an soll es für beide nur noch eine Richtung geben: nach vorn.

Das letzte Mal war Franz Müntefering im November 2007 in der Bundespressekonferenz. Damals sagte er, dass er nach Hause müsse, zu seiner schwerkranken Frau, dass er nicht mehr Vizekanzler sein könne und auch nicht Bundesarbeitsminister. Er ging. Rückkehr ungewiss. Die Menschen rechneten ihm diese Entscheidung hoch an. Seine Frau starb im Sommer.

Seit nunmehr fünf Wochen, als Kurt Beck am Schwielowsee zurücktrat und Müntefering wieder an die Parteispitze vortrat, erlebt die SPD einen ungeahnten Motivationsschub. Die Autosuggestion verleiht den Glauben an Stärke, der morgen seinen vorläufigen Höhepunkt findet. Die von zehn Jahren Regierung gebeutelten Genossen projizieren alles in ihn. Mit Müntefering ist alles anders, nein, soll alles anders sein. Die Partei habe eine neue Körpersprache gefunden, behauptet Generalsekretär Hubertus Heil.

Fest steht: Müntefering zieht seit Wochen im Hintergrund die Fäden und meidet öffentliche Auftritte. Weder am Wahlabend der bayerischen Landtagswahl trat er als designierter Parteivorsitzender vor die Kameras, noch kam er zum Koalitionsausschuss. Er lies dem kommissarischen Parteichef, Frank-Walter Steinmeier, den Vortritt. Er schloss seine Bürotüre, führte Gespräche und unzählige Telefonate. Rechte wie Linke glauben, dass die Partei mit ihren Flügeln wieder abheben kann - mit Müntefering als Kopf in der Mitte.

In Berlin nutzte Müntefering nur eine Gelegenheit, um sich öffentlich zu zeigen. Für seinen Freund Erhard Eppler stellte er vergangene Woche dessen Buch in der Parteizentrale vor. Plötzlich stand er da und sagte: "Erhard, guten Morgen!" Einen neuen dunkeln Anzug mit Weste trug er, natürlich mit einem SPD-Abzeichen am Revers, die Haare nach hinten gekämmt. Dann trat er ans Mikrofon und lobte den Inhalt, monierte aber am Ende zumindest das Fragezeichen im Titel: "Eine Partei für das zweite Jahrzehnt: die SPD?" "Da gehört ein Ausrufezeichen hin."

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