SPD spekuliert auf Rolle als Juniorpartner
Milbradt kämpft um die Alleinherrschaft

Die Nerven der CDU in Sachsen liegen blank: Wenige Tage vor der Wahl verfasste CDU-Generalsekretär Hermann Winkler eine Wahlkampfanzeige, mit der er sich allerdings vergaloppierte: „Klarer Kurs statt Rot-Grün-Braunem Chaos”. Rot und Grün waren entsetzt und drohten eine Klage an, Winkler zuckte zurück. Er habe doch nur deutlich machen wollen, „dass es kein rotes, kein grünes und kein braunes Sachsen” geben solle.

DRESDEN. Trotz der Beschwichtigung zeigt der Schlagabtausch, wie sich die politische Lage im östlichen Freistaat zugespitzt hat. Nach 14 Jahren Alleinherrschaft droht der CDU unter ihrem Amtsinhaber Georg Milbradt plötzlich der Verlust der absoluten Mehrheit und die Suche nach einem Koalitionspartner.

Dabei lag die Union noch vor acht Wochen mit bis zu 54 Prozent der Wählerstimmen unangefochten vorn – der Freistaat dümpelte bayerischen Verhältnissen entgegen. Der 59-jährige Volkswirt Milbradt, so schien es in den Sommerferien, sonnte sich in seinen vorzeigbaren Wirtschaftsdaten und Zustimmungswerten von rund 60 Prozent. PDS und SPD als einzige Oppositionsparteien durften sich auf den hinteren Rängen um einzelne Prozentpunkte balgen.

Doch seit der Hurrikan „Hartz” durch den Osten fegt, sind die Verhältnisse durcheinander gewirbelt. Die CDU stellte sich auf 44 bis 47 Prozent ein – zehn Prozentpunkte weniger als unter Kurt Biedenkopf, der seine letzte Wahl vor fünf Jahren mit 56,9 Prozent gewonnen hatte. Unionschristen sondieren bereits potenzielle Koalitionäre. Offenbar rächt sich der Schlingerkurs des eher glanzlosen Milbradt bei den Arbeitsmarktreformen. Mit der Forderung nach einer Verschiebung von Hartz IV war er eine klare Antwort schuldig geblieben. Das Image des zupackenden Landesvaters ging unter.

Profitieren können davon die kleinen Parteien. Neben dem befürchteten Wahlerfolg der NPD hoffen FDP und Grüne nach zehn Jahren auf ein Comeback im Dresdner Parlament. Glücksgefühle haben vor allem die Grünen unter der burschikosen Bundestags-Haushaltsexpertin Antje Hermenau – eine 40-jährige Sächsin mit flottem Mundwerk. Die Partei liegt in den Umfragen konstant bei sechs bis sieben Prozent. Für die Liberalen unter Werbefachmann Holger Zastrow wird der Wahltag indes zur Zitterpartie: Die FDP liegt mal bei vier, mal bei sechs Prozent.

Die PDS wurde indes bei ihrem Höhenflug in Sachsen ausgebremst. Spitzenkandidat Peter Porsch wurde zur Belastung, als Vorwürfe auftauchten, er habe als IM Christoph jahrelang für die Stasi gespitzelt. Die PDS verlor ihren Anti- Hartz-Bonus und sank in Umfragen von 27 auf 19 Prozent – drei Prozentpunkte weniger als 1999.

Antizyklisch schneidet auch die SPD ab. Ihr Spitzenkandidat, der 42-jährige Funkmechaniker Thomas Jurk, verteidigt inzwischen tapfer die Arbeitsmarktreform und legt dabei sogar zu. Rund 14 Prozent wären für Sachsens Sozialdemokraten jedenfalls ein kleiner Aufschwung, seit die Partei mit historisch niedrigen 10,7 Prozent nur eine Minderheit im Landtag darstellt. Dennoch spekuliert die SPD auf eine Regierungsbeteiligung als Juniorpartner – sollte die FDP den Einzug ins Parlament verpassen und die Bastion der absoluten CDU-Mehrheit fallen.

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