Die Debatte über die neue deutsche Unterschicht kreist um die schlechten Chancen der Unterprivilegierten am Arbeitsmarkt – zunehmend aber auch um die Angst der Mittelschicht vor dem Absturz. Der Ruf nach Konsequenzen in der Politik wird somit lauter. SPD-Arbeitsmarktexperten glauben, eine Lösung gefunden zu haben.
HB BERLIN. Der SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner plädiert dafür, bisher Chancenlosen mit auf Dauer angelegter öffentlicher Beschäftigung zu helfen. Brandner sagte der „Frankfurter Rundschau“, man müsse sich von der Illusion verabschieden, dass alle Menschen in einen regulären Arbeitsplatz zu vermitteln seien. Die Kosten für eine öffentliche Beschäftigung sollte der Bund tragen, wobei nach Möglichkeit die Kommunen und auch die Länder zu beteiligen wären.
DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach rief in derselben Zeitung, die Politik zum Handeln auf. „Es reicht nicht, nur über Armut zu reden. Man muss auch etwas dagegen tun“, wurde sie zitiert. Auch die Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV), Barbara Stolterfoht, forderte, den Worten Taten folgen zu lassen.
„Ich hoffe, dass ein radikales Umdenken einsetzt“, zitierte die „Netzeitung“ Stolterfoht. Die Strategien der Politik, mit den Hartz-Reformen Menschen wieder in Arbeit zu bringen, hätten versagt und stattdessen noch mehr Menschen arm gemacht. Die DPWV-Chefin forderte einen Ausbau der aktiven Arbeitsmarktpolitik, sowie einen zweiten und dritten Arbeitsmarkt. Denn viele Langzeitarbeitslose hätten auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum noch Chancen.
Indes dauern die Angriffe der Union auf den Koalitionspartner SPD und die früher mitregierenden Grünen an. CSU-Generalsekretär Markus Söder warf der SPD vor, für einen Großteil der Armut in Deutschland verantwortlich zu sein. „Sieben Jahre Rot-Grün haben zu Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit vieler Menschen geführt“, sagte er der „Berliner Zeitung“.
Es sei deshalb peinlich für die SPD, dass ausgerechnet die ihr nahe stehende Friedrich-Ebert-Stiftung sie mit der bitteren Wahrheit über die Unterschicht in Deutschland konfrontiere. Söder forderte indirekt eine Absenkung der Bezüge für Langzeitarbeitslose. Hartz IV sei bereits ein Mindestlohn. „Weil er so hoch ist, fehlt manchen die Motivation zur Arbeit“, wurde er zitiert.
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Der CSU-Landesgruppenvorsitzende im Bundestag, Peter Ramsauer, kritisierte die bisherige Diskussion als zu eng: „Es geht nicht nur um die Unterschicht, es betrifft mittlerweile auch Leistungsträger der Gesellschaft“, sagte der Bayern-Politiker. Denn aus traditionellen Mittelschichtlern würden unverschuldet Absteiger.
Auch SPD-Generalsekretär Hubertus Heil stellte die Angst der Mittelschicht zumindest neben die Probleme der Unterschicht: „Die Gesellschaft bricht auseinander, „wenn wir zulassen, dass es einem Drittel sehr gut geht, die Mitte der Gesellschaft Angst vor sozialem Abstieg hat und ein Drittel der Gesellschaft abgehängt ist“, sagte er dem Fernsehsender n-tv.
Ausgelöst worden war die Unterschicht-Debatte von SPD-Chef Kurt Beck. Eine Studie der SPD gab dem Thema zudem neue Nahrung. Diese beziffert die Gruppe der sozial Schwächsten auf rund acht Prozent der Bevölkerung. Das werde „von der Empirie jedenfalls nicht klar bestätigt“, kritisiert Hans-Peter Klös vom Institut der deutschen Wirtschaft. Denn nach dem Armutsbericht der Bundesregierung seien nur vier Prozent chronisch arm, weil sie mindestens drei Jahre lang ein Einkommen unter 60 Prozent des Durchschnitts hatten.
Auch sei „einmal arm nicht gleich immer arm“. Ein Drittel der Einkommensarmen könne nach einem Jahr, ein weiteres Drittel nach zwei Jahren die Armut hinter sich lassen. Nach Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ist jedoch die „Aufstiegsmobilität der Geringverdiener in den vergangenen 20 Jahren deutlich zurückgegangen.
Auch Beck, Heil & Co. kritisieren die mangelnde „Durchlässigkeit“ – zuerst in der Schule, dann in Berufsausbildung und Weiterbildung. Dass Deutschland ein Problem hat, den Weg von unten nach oben freizuräumen, rügte unlängst sogar Bundespräsident Horst Köhler.Diese Durchlässigkeit müsse schon im Vorschulalter größer werden, sagt Bildungsstaatssekretär Andreas Storm (CDU). Denn hier stehen die ersten Barrieren: Kinder aus unterpriviligierten Schichten besuchen seltener einen Kindergarten und haben so gleich schlechtere Startchancen. Abhilfe sollen kostenlose oder auch obligatorische Kindergärten bringen.
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Vor und während der Grundschule stellen Sprachprobleme von Migranten-, aber auch von deutschen Unterschichtskindern eine weitere Barriere dar, der die Kultusminister den Kampf angesagt haben. Dazu kommt die seit Pisa offen zu Tage liegende extreme soziale Selektivität des Schulsystems insgesamt: „Ein Kind aus einer Facharbeiterfamilie hat im Vergleich zum Kind eines Akademikerpaares nur ein Viertel der Chancen, aufs Gymnasium zu kommen“, sagte Köhler und nannte es „beschämend“. Nur 28 Prozent schließen das Gymnasium ab, neun Prozent schaffen überhaupt keinen Abschluss.
Die nächste Problem-Schnittstelle wartet an der Schwelle zum Beruf, weiß der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Manfred Kremer. Rund 500 000 Jugendliche befinden sich derzeit im „Übergangssystem“, vor allem in Warteschleifen der BA. Ihre Chance, eine reguläre Ausbildung zu ergattern, sinkt von Jahr zu Jahr. Und auch die Weiterbildung hilft dem, der weder Abi hat noch einen Beruf erlernte, kaum weiter, denn sie erreicht nur drei Prozent dieser Gruppe – zum Vergleich: In Dänemark sind es 22 Prozent.
Sicher, noch immer finden 60 Prozent eines Jahrgangs den Weg ins duale System. Ein Teil hätte gar das Zeug, ganz nach oben zu kommen und so die soziale Auslese der Schulen zu kompensieren – doch sie treffen nun auf die Mauer zwischen Berufswelt und dem Reich der Akademiker. Die große Koalition wollte – laut Koalitionsvertrag – auch Praktikern den Zugang zu den Hochschulen eröffnen. Doch bislang herrscht weiter ein föderaler Wirrwarr von schmalen, gewundenen Pfaden, die auch ohne Abi an die Uni führen, zumindest mit Meisterbrief. „Aber es fehlen breite , systematische Wege“, sagt der BIBB-Chef.
Die Möglichkeit für die paar, die es trotzdem schaffen, sich erworbene Qualifikationen anrechnen zu lassen, „tendiert gegen null“. So würde etwa einem Elektromeister beim Studium der Elektrotechnik so gut wie nichts erlassen, rügt Kremer.
Das alles führt dazu, dass Deutschland viel zu wenig Akademiker produziert – und so seinen Wohlstand gefährdet. Während hier zu Lande nur jeder Fünfte Akademiker wird, ist es im OECD-Schnitt gut ein Drittel. Würden auch in der Bundesrepublik mehr Menschen bis ins akademische System vordringen, „entstünde mehr Luft nach unten“, so Kremer. Das führte zwangsläufig dazu, dass Betriebe künftig auch der schwierigeren Klientel wieder Ausbildungsplätze anbieten müssten.


