Vor und während der Grundschule stellen Sprachprobleme von Migranten-, aber auch von deutschen Unterschichtskindern eine weitere Barriere dar, der die Kultusminister den Kampf angesagt haben. Dazu kommt die seit Pisa offen zu Tage liegende extreme soziale Selektivität des Schulsystems insgesamt: „Ein Kind aus einer Facharbeiterfamilie hat im Vergleich zum Kind eines Akademikerpaares nur ein Viertel der Chancen, aufs Gymnasium zu kommen“, sagte Köhler und nannte es „beschämend“. Nur 28 Prozent schließen das Gymnasium ab, neun Prozent schaffen überhaupt keinen Abschluss.
Die nächste Problem-Schnittstelle wartet an der Schwelle zum Beruf, weiß der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Manfred Kremer. Rund 500 000 Jugendliche befinden sich derzeit im „Übergangssystem“, vor allem in Warteschleifen der BA. Ihre Chance, eine reguläre Ausbildung zu ergattern, sinkt von Jahr zu Jahr. Und auch die Weiterbildung hilft dem, der weder Abi hat noch einen Beruf erlernte, kaum weiter, denn sie erreicht nur drei Prozent dieser Gruppe – zum Vergleich: In Dänemark sind es 22 Prozent.
Sicher, noch immer finden 60 Prozent eines Jahrgangs den Weg ins duale System. Ein Teil hätte gar das Zeug, ganz nach oben zu kommen und so die soziale Auslese der Schulen zu kompensieren – doch sie treffen nun auf die Mauer zwischen Berufswelt und dem Reich der Akademiker. Die große Koalition wollte – laut Koalitionsvertrag – auch Praktikern den Zugang zu den Hochschulen eröffnen. Doch bislang herrscht weiter ein föderaler Wirrwarr von schmalen, gewundenen Pfaden, die auch ohne Abi an die Uni führen, zumindest mit Meisterbrief. „Aber es fehlen breite , systematische Wege“, sagt der BIBB-Chef.
Die Möglichkeit für die paar, die es trotzdem schaffen, sich erworbene Qualifikationen anrechnen zu lassen, „tendiert gegen null“. So würde etwa einem Elektromeister beim Studium der Elektrotechnik so gut wie nichts erlassen, rügt Kremer.
Das alles führt dazu, dass Deutschland viel zu wenig Akademiker produziert – und so seinen Wohlstand gefährdet. Während hier zu Lande nur jeder Fünfte Akademiker wird, ist es im OECD-Schnitt gut ein Drittel. Würden auch in der Bundesrepublik mehr Menschen bis ins akademische System vordringen, „entstünde mehr Luft nach unten“, so Kremer. Das führte zwangsläufig dazu, dass Betriebe künftig auch der schwierigeren Klientel wieder Ausbildungsplätze anbieten müssten.

