SPD-Wahlkampf
Attacke in Anthrazit

Frank-Walter Steinmeier ist der mit Abstand beliebteste Politiker der SPD. Nun soll der Außenminister der Großen Koalition seine hohen Sympathiewerte bei den Landtagswahlen in Punkte für die SPD ummünzen. Viele in der SPD fürchteten, Steinmeier sei nicht bissig genug für den Wahlkampf. Doch in Hessen beweist er das Gegenteil.

KASSEL. Nur anderthalb Stunden dauert die Fahrt über die A 7 von Würzburg nach Kassel. Doch irgendwo an der hessischen Landesgrenze, unweit der alten Bischofsstadt Fulda, muss Frank-Walter Steinmeier ein Erweckungserlebnis der besonderen Art gehabt haben.

Beim Neujahrsempfang der SPD im fränkischen Weindorf Eibelstadt hatte der weißhaarige Vizekanzler eine Zwischenbilanz der Großen Koalition gezogen. "Ein kleiner Klaps auf den Hintern der Union" sei manchmal nötig. Aber insgesamt arbeite man in Berlin "sehr, sehr ordentlich zusammen", versicherte er vor den örtlichen Honoratioren.

Nun steht der zweite Mann der SPD vor 1 200 jubelnden Genossen in der Kasseler Stadthalle. Hinter dem Rednerpult haben die Lokal-Rocker Rodgau Monotones ("Erbarmen, die Hesse komme") ihr Schlagzeug aufgebaut. Auch Steinmeiers Stimme ist druckvoll. Sie hat den Schröder-Sound. Sie geißelt den "brutalstmöglichen Populismus" des Ministerpräsidenten Koch, stichelt gegen die Kanzlerin, die sich "auf diese Linie einschwören" ließ und lobt die rot-grünen Regierungsjahre: "Wir waren es, die den Karren aus dem Dreck gezogen haben!"

So also hört es sich an, wenn Deutschlands oberster Diplomat zur Attacke ausholt. "Kann der das überhaupt?" hat mancher in der eigenen Partei zuvor zweifelnd gefragt. Schließlich ist Steinmeiers politische Vita eher ungewöhnlich verlaufen. Er ist der mit Abstand beliebteste Politiker der SPD. Sechs Jahre lang hat er die Regierungsarbeit koordiniert. Im Oktober wurde er mit 86 Prozent zum stellvertretenden Parteichef gewählt. Dem Votum des Volkes musste sich der Jurist mit dem Ruf des effizienten und verlässlichen Verwaltungsmanns aber noch nie stellen. Nun soll er bei den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen seine hohen Sympathiewerte in Punkte für die SPD ummünzen.

Das ist in verschiedener Hinsicht eine Gratwanderung. Zum einen haben sich die SPD-Spitzenkandidaten in Wiesbaden und Hannover mit einer Linie profiliert, die öfter im Widerspruch zu den Reformen der Agenda 2010 steht, die Steinmeier als Majordomus von Ex-Kanzler Schröder maßgeblich mit entworfen hat. Zum anderen beruht das hohe Ansehen des Außenministers auch bei CDU-Wählern gerade auf seiner abwägenden Unaufgeregtheit. Er gilt als Mann der fairen Kompromisse, nicht der hitzigen Zuspitzung. Wenn der Edelreservist für die Kanzlerkandidatur 2009 nun beim Holzen überzieht, wird es ihm mehr schaden, als es der Partei nutzen kann. "Ich kann mir denken, dass sich der eine oder andere von Ihnen fragt: Mein Gott, warum streiten die so miteinander, obwohl die in einer Koalition sitzen?" hebt Steinmeier vor den Honoratioren von Eibelstadt an. Ein bisschen klingt es, als stelle er sich diese Frage manchmal selbst. Hessens CDU-Ministerpräsident Roland Koch hat ihm ungewollt die Antwort erleichtert. Dessen ressentimentbeladene Kampagne gegen Ausländerkriminalität findet Steinmeier unappetitlich und gefährlich: "Ich weiß nicht, ob wir die Geister, die da gerufen werden, nach den Wahlen wieder in die Flasche kriegen." Steinmeier, der als "Nach-68er" in Gießen studierte, am Frankfurter Landgericht arbeitete, gilt in der SPD selbst eher als "Law and order"-Mann. Umso stärker drängt es ihn zur Abgrenzung von Koch.

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