Spitzenpirat verlässt die Partei: „...was ich jetzt mal loswerden muss!“

Spitzenpirat verlässt die Partei
„...was ich jetzt mal loswerden muss!“

Das Chaos in der Piratenpartei weitet sich aus. In Baden-Württemberg hat nun der Landesvorsitzende seinen Posten geräumt - und seine Parteimitgliedschaft gekündigt. Der Grund: Drohungen und wüste Beleidigungen.
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StuttgartDer baden-württembergische Landeschef der Piratenpartei, Lars Pallasch, legt nach nur einem Jahr sein Amt nieder und tritt aus der Partei aus. Der 36-jährige Pallasch zieht damit die Konsequenzen aus dem rüden Umgangston in der Piratenpartei. In einem am Mittwoch veröffentlichten Schreiben beklagte der Informatiker, ihm und seiner Familie sei anonym körperliche Gewalt angedroht worden. Dies sei der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe.

Pallasch geht davon aus, dass es Parteimitglieder waren, die ihn bedroht haben. „Ich habe mehrere Personen im Verdacht“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Er habe Anzeige erstattet und die Drohungen der Staatsanwaltschaft übergeben. Sein Austritt aus der Partei sei unvermeidlich gewesen. „Ich setze damit ein Zeichen, dass es so nicht weiter geht.“ Er wolle die Partei, die sich derzeit in Umfragen im Sinkflug befindet, aufrütteln.

Das Schreiben des bisherigen Parteivorsitzenden beginnt mit den Worten: „...was ich jetzt mal loswerden muss!“ Er habe ständig beleidigende Emails bekommen, schreibt Pallasch. Dort sei er unter anderem als „Bremser“ oder „Anti-Progressives Arschloch“ verunglimpft worden. Ständig sei dem Vorstand von Mitgliedern vorgeworfen worden, es werde intransparent gearbeitet und „geklüngelt“.

Entnervt zeigte sich Pallasch auch vom Dauerstreit unter den Führungskräften der Piratenpartei im Bund. Er habe immer wieder versucht, Journalisten davon zu überzeugen, dass die Piraten „kein zerstrittener, planloser Haufen“ ist. „Habe ich mich getäuscht?“, fragt Pallasch nun.

Dem umstrittenen Bundesgeschäftsführer Johannes Ponader empfahl er den sofortigen Rücktritt. „Sie schaden sich, sie schaden der Piratenpartei, sie schaden jedem, der sich politisch engagiert.“ Es müsse klar sein: „Wer Mehrheitsentscheidungen nicht akzeptieren kann, muss gehen“, sagte Pallasch.

Die Piratenpartei hatte laut ihrer Homepage Ende April 2012 rund 3300 Mitglieder. Der Landesvorstand bedauerte per Twitter, dass Pallasch zurückgetreten sei. „Wir danken ihm sehr für seine Arbeit.“ Am 9. und 10. März kommen die Piraten in Flein (Kreis Heilbronn) zu einem Landesparteitag zusammen und wählen einen neuen Vorstand.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Spitzenpirat verlässt die Partei: „...was ich jetzt mal loswerden muss!“"

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  • Die Gerechten werden halt leider oft sehr schnell zu den Selbst-Gerechten, weil sie sich über den Rest erhaben fühlen.
    An allen Ecken hört man von den Funktionsträgern der Piraten von Drohungen, Beleidigungen, Einschüchterungen etc. Ein erheblicher Teil der Anhänger der Partei verfügt offensichtlich nur über stark eingeschränkte soziale Kompetenz - weil Computerspielsozialisiert - die für ein funktionieren einer Organisation wie einer Partei eben doch benötigt wird.

  • Ich habe mich als Direktkandidatin aufstellen lassen, um ganz persönlich und konkret für die Piraten Gesicht zu zeigen und für echte Demokratie und politische Einflussnahme ganz vieler Menschen zu werben. Ich hoffe sehr, dass wir Piraten viele der bisherigen Nichtwähler wieder für Politik begeistern. Denn auch in der besten Demokratie muss man die Instrumentarien vor allem benutzen, also Demokratie lernen und das Erreichte immer wieder mutig verteidigen. Menschen machen für Menschen Politik, andere können gute Brot backen. In allen Partei(ung)en, so auch der Piratenpartei, suchen die meisten Menschen in erster Linie eine menschliche Heimat, die dem eigenen Lebensideal am nächsten kommt. Das ist auch in Ordnung. Jedoch kippt bei dieser Art von Parteizugehörigkeit alles Strittige, wobei politischer Streit bei so vielen unterschiedlichen Menschen als Normalität akzeptiert werden sollte, schnell in persönliche Betroffenheit und verschiedene Formen von Abwehr. Die Äußerung des Bamberger Parteienforscher Thomas Saalfeld trifft es vielleicht am Besten: Er gab zu bedenken, dass rasch wachsende, neue Parteien immer Organisationsprobleme hätten. Gerade in einer basisorientierten Partei entstehen „unübersichtliche Mitgliedschaft mit unklaren internen Arbeits-, Kommunikations- und Repräsentationsprozessen“ und einem „diffusen ideologischen Profil“.
    Ja, natürlich, und das ist gut so! Daraus entsteht Humus, lebendiges Chaos, und daraus neues Leben. Eine gemeinsame Ausrichtung verschiedenster Menschen erfordert Zuhören, viel Zeit, Geduld, Erforschung zielführender Kommunikationsformen, die man dann erproben muss, und ständige Rückkopplung, was wohl das Anstrengendste ist, daher gerne vermieden wird. Da kommt der gegenwärtige Stress und Frust her, wenn in der Fülle der Einzelne nicht mehr wahrgenommen wird. In so kurzer Zeit von einer jungen Basispartei eine einheitliche Ausrichtung zu fordern, bedeutet die Negation der zu bewältigenden Komplexität u. ruft eher nach Autorität!

  • ....flüssig, überflüssig, abgesoffen.... Eine Illusion weniger,gut so. Farewell, Piraten...und ne Buddel voll Rum.

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