Sprachdebatte
Sorry, do you speak German?

Für Guido Westerwelle ist es der Vorgeschmack auf die voraussichtlich künftige, sensible Arbeit als Außenminister: Denn der FDP-Chef hat mit einer Alltagsbemerkung im In- und Ausland ungewollt eine Debatte über die schwierige Sprachenkultur in Europa ausgelöst.

BERLIN. Glaubt man dem Medienrumoren, lautet Deutschlands Schicksalsfrage längst nicht mehr: Wie kommen wir aus der Krise? Sie lautet vielmehr: Welche Sprache wird im größten Land der Europäischen Union gesprochen?

Das Rezept für das nun aufgebauschte Politik-Skandälchen ist dabei ganz einfach: Man nehme einen Politiker, der als kommender Außenminister im Gespräch ist. Man setze dazu etwa einen der vielen ausländischen Journalisten, die gerade in Wahlzeiten über Deutschland berichten, ohne die Sprache zu sprechen (oder das Land zu kennen).

Also sieht sich Westerwelle, übermüdet und leicht überdreht nach einer Wahlsieg-Nacht, in der FDP-Pressekonferenz einem netten Korrespondenten der BBC gegenüber, der ihn auf Englisch fragt, ob er eine Frage ausnahmsweise auch auf Englisch beantworten könne. Nein, sagt Westerwelle, das könne er leider nicht. Man sei in Deutschland, und dort spreche man in Pressekonferenzen eben Deutsch - "wie in London ja auch Englisch".

Eine Selbstverständlichkeit, die Westerwelle vielleicht etwas hölzern vorbringt - aber angesichts der wachsenden Anspruchshaltung englischsprachiger Korrespondenten wird dieser Hinweis mindestens hundertmal im Jahr auf deutschen Pressekonferenzen erwähnt. Provinziell ist eine deutsche Antwort jedenfalls nicht, auch in der Bundespressekonferenz in Berlin gilt diese Regel. Und sogar im Verein der Auslandspresse in der Hauptstadt ist die Arbeitssprache Deutsch.

Doch weil Westerwelle wohl das künftige Gesicht Deutschlands wird, reicht sein Satz, um Aufregung zu provozieren. Kann der Mann überhaupt Englisch? Schließlich waren auch seine Vorgänger Frank-Walter Steinmeier, Joschka Fischer und auch Hans-Dietrich Genscher zu Beginn ihrer Amtszeit keine wirklichen Sprachgenies. Von Genscher gibt es das etwas patzige Bonmot, dass er ja nicht Chefdolmetscher, sondern Minister werden wolle.

Um jede Spekulation über die eigene angebliche Sprachlosigkeit im Keim zu ersticken und um nicht unfreundlich zu wirken, schiebt Westerwelle seiner Antwort an den BBC-Reporter deshalb eine Einladung zum Tee hinterher - wo man ja auf Englisch weiterplaudern könne. Denn die weltweite Verständigungssprache Nummer eins beherrscht der FDP-Chef durchaus; das hat er etwa auf einer Moskau-Reise im April bewiesen.

Nur reicht der augenzwinkernde Hinweis nicht aus. Prompt spekuliert man in britischen Medien, ob Westerwelles Auftritt der "Vorgeschmack auf ein neues teutonisches Selbstbewusstsein in internationalen Angelegenheiten" gewesen sei.

Journalisten sei deshalb ein interessanter Selbstversuch in London empfohlen: Auf einer Parteikonferenz der Konservativen einfach einmal auf Deutsch oder Französisch fragen, ob David Cameron eine Frage ausnahmsweise in der Sprache eines der beiden wichtigsten EU-Staaten beantworten könnte. Die Antwort könnte internationale "News" produzieren...

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