Staatsakt für Hans-Dietrich Genscher

„Er konnte zäh wie das Leder eines texanischen Cowboystiefels sein“

Er war ein Akteur der Weltpolitik, aber auch ein Menschenfreund, der nie die Bodenhaftung verlor: Beim Staatsakt in Bonn zeichneten die Redner alle Facetten des verstorbenen Außenministers Hans-Dietrich Genscher nach.
Update: 17.04.2016 - 15:22 Uhr
Die Ehrengäste erheben sich für Hans-Dietrich Genscher – Staatsakt im ehemaligen Plenarsaal des Bundestags in Bonn. Quelle: Reuters
Staatsakt

Die Ehrengäste erheben sich für Hans-Dietrich Genscher – Staatsakt im ehemaligen Plenarsaal des Bundestags in Bonn.

(Foto: Reuters)

BonnEin Land verneigt sich. Vor Hans-Dietrich Genscher, dem langjährigen Außenminister, in tiefem Respekt. Alle Spitzen des Staates, hochrangige Vertreter der EU und aus dem Ausland sind zum Staatsakt nach Bonn gekommen – eine sehr seltene und große Ehre. Im ehemaligen Plenarsaal des Bundestags, dem heutigen World Conference Centre (WCC), ist der Sarg des Verstorbenen vor dem Rednerpult aufgebahrt – bedeckt mit der Bundesdienstflagge und umrahmt von einem Kranz der Ehefrau Barbara und einem Blumengesteck von Tochter Martina. Bundespräsident Joachim Gauck – anfangs mit etwas brüchiger Stimme – würdigt ihn als „deutschen Patrioten“, der sich in „hervorragender Weise“ um Volk und Staat verdient gemacht habe.

„Hans-Dietrich Genscher: Das ist die Geschichte einer außergewöhnlichen politischen Begabung“, sagt Gauck vor rund 900 geladenen Gästen. Der langjährige Außenminister und Vizekanzler sei „überzeugter und leidenschaftlicher Entspannungspolitiker“ und „Architekt eines neuen, kooperativen Europas“ gewesen, Abscheu vor Krieg ein Leitmotiv seines Lebens. Gauck erinnert an die dramatischen Zeiten der Demokratiebewegung in der DDR und in Ostmitteleuropa, in denen sich Genscher als verlässlicher internationaler Partner und „unerlässliche Stütze für Bundeskanzler Helmut Kohl“ erwiesen habe. Seine 18 Jahre als Außenminister seien von „unbeirrbarer Prinzipien-Festigkeit“ gekennzeichnet gewesen.

Genscher gilt als einer der wichtigsten Architekten der deutschen Einheit. Er war am 31. März im Alter von 89 Jahren gestorben. Der aus Halle in Sachsen-Anhalt stammende Genscher gehörte dem Bundestag 33 Jahre lang an. Elf Jahre lenkte er die FDP als Bundesvorsitzender. Schon vor 60 Jahren war er als junger Jurist nach Bonn gezogen. 1969 wurde er dort Innenminister, 1974 bis 1992 Außenminister und Vizekanzler. Er prägte die Politik der „Bonner Republik“ mit, für manche ist Genscher „Mister Bundesrepublik“.

Der Staatsakt am Rhein am Sonntag war auch eine Zeitreise. Denn neben vielen aktiven Politikern – Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundesratspräsident Stanislaw Tillich, NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) oder Europaparlamentspräsident Martin Schulz (SPD) – kamen auch alte Weggefährten und frühere Polit-Größen. Frankreichs Ex-Außenminister Roland Dumas (93), der frühere FDP-Bundesinnenminister Gerhart Baum oder auch die einstigen Bundespräsidenten Roman Herzog und Horst Köhler erwiesen Genscher die letzte Ehre.

Und der ehemalige US-Außenminister James Baker (85), der auch ans Redepult trat. „Hans-Dietrich“ habe Deutschland und Europa geformt, er habe die Welt sicherer gemacht. Er selbst habe Genscher als „schonungslos aufrichtig“ geschätzt, ihm vertraut. Baker bringt die Trauergäste zum Schmunzeln, als er Genschers Verhandlungsgeschick schildert – etwa bei den „Vier-plus-zwei-Gesprächen“, die auch Genscher und Baker vor 26 Jahren in Bonn führten, um die außenpolitischen Aspekte der deutschen Wiedervereinigung zu regeln. „Er konnte zäh wie das Leder eines texanischen Cowboystiefels sein“, sagte Baker.

Bewegende, auch persönliche Worte findet Klaus Kinkel als Genschers Nachfolger im Auswärtigen Amt. Der FDP-Politiker sei ihm Mentor, Ziehvater und viele Jahrzehnte enger Freund gewesen. Kinkel spricht über den Privatmann und Familienmenschen. Und bis zuletzt, im Rollstuhl, habe er „flammende Vorträge zu seinem Europa“ gehalten.

Zudem würdigte Kinkel seinen Vorgänger und FDP-Parteifreund als einen „Akteur der Weltpolitik“ und gleichzeitig als „Menschenfreund“ und „Brückenbauer“. Superlativen der Anerkennung kommen auch vom evangelischen Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, der sich Genscher eng verbunden fühlte.

Wie der „Genschman“ Deutschland geprägt hat
Hans-Dietrich Genscher
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Über Jahrzehnte prägte er das politische Bild der Bundesrepublik. Nun ist Hans-Dietrich Genscher im Alter von von 89 Jahren gestorben. Seine Laufbahn in Bildern.

Parteieintritt
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1952, mit 24 Jahren, verlässt Genscher die DDR in Richtung Bundesrepublik und tritt bald darauf den Liberalen bei.

Hans-Dietrich Genscher
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1956 stößt Genscher als junger Rechtsreferendar in Bonn zur FDP-Fraktion und arbeitet dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter. 1965 zieht er erstmals in den Bundestag ein.

Ikone der Liberalen
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In Deutschland gehörte er zu den beliebtesten Spitzenpolitikern und zu den prägenden Persönlichkeiten der Liberalen. Von 1974 bis 1985 war er Vorsitzender der FDP.

Brandt, Kohl und Genscher (l-r)
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Nach der Bundestagswahl 1969 schmieden FDP und SPD an der sozialliberalen Koalition. Hans-Dietrich Genscher mischt hinter den Kulissen maßgeblich mit und wird im Kabinett von Bundeskanzler Willy Brandt Innenminister.

Genscher (links) und Schmidt
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Unter der Kanzlerschaft Helmut Schmidts wird Genscher 1974 Außenminister – und bleibt es 18 Jahre lang.

Konflikt in der Koalition
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Die rot-gelbe Wunschehe endet 1982. Es ist vor allem Genscher (links), der im Hintergrund auf ein Ende der Koalition hinarbeitet und die Fühler nach der Union ausstreckt.

Auf Klänge von Mozart, Händel, Beethoven folgt die Nationalhymne, gesungen von den Trauergästen – ein ergreifender Moment, auch als der Sarg dann aus dem Saal getragen wird. Tränen fließen. Draußen verfolgen Bürger hinter einer Absperrung, wie ein Musikkorps der Bundeswehr einen Trauermarsch spielt und das „Lied vom guten Kameraden“. Militärische Ehrerweisung. Danach bittet Gauck die Trauergemeine zu einem strikt nicht-öffentlichen Empfang. Wann genau und wo im Anschluss die Beisetzung im engeren Kreis stattfindet, wird nicht bekannt. In Bonn wehen die Fahnen auf Halbmast. Bundesweit ist Trauerbeflaggung angeordnet.

Zum Abschied bleibt Genschers legendärer unvollendeter Satz am 30. September 1989 vom Balkon der Prager Botschaft an die geflüchteten DDR-Bürger nicht unerwähnt: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“. Gauck erinnert an diese „glücklichste Stunde“ Genschers als Politiker. Als dieser dann 1992 als Außenminister zurücktrat, hatten „nicht wenige Deutsche den Eindruck, dass „Außenpolitiker“, dass „Außenminister“ eigentlich der Vorname eines Politikers namens Genscher sei“, sagt Gauck. Und der Bundespräsident fasst zusammen, was viele Trauergäste wohl umtreibt: „Wir alle können uns eigentlich ein Deutschland ohne Hans-Dietrich Genscher kaum vorstellen.“

  • dpa
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