Doch bald wurden genau diese Probleme zu Erfolgsfaktoren. Denn als im wirtschaftswundernden Westen Deutschlands Land und Arbeitskräfte knapp wurden, gab es in Bayern noch beides im Überfluss. 1957 lag das BIP-Wachstums Bayern über Bundesdurchschnitt, daran sollte sich über Jahrzehnte nichts mehr ändern.
Zudem preisen Wirtschaftshistoriker die Strukturpolitik dieser Zeit: Anders als im Westen steuerte man in Bayern die Entwicklung so, dass eine ganze Reihe von autarken Mittelzentren entstehen konnten.
Weder zu klein, um von einem Arbeitgeber abzuhängen, noch zu verdichtet, um sich gegenseitig das Wasser abzugraben. Als im vergangenen Jahr auch Städte zwischen 60.000 und 150. 000 Einwohnern in das Ranking einbezogen wurden, belegten Städte wie Erlangen, Ingolstadt, Rosenheim, Kempten oder Landshut Spitzenplätze.
Die gerade stattfindenden Veränderungen hingegen zeigen sich beispielhaft in Kassel und exemplarisch an Thomas Landgraf, 40 Jahre alt, Unternehmer. Landgraf ist ein schlaksiger Typ, steckt in übergroßer Kleidung und trägt die Haare lang.
Er hat gerade sein zweites Unternehmen gegründet, das Softwares Micromata brachte es auf gut 70 Mitarbeiter, als er im Sommer ausstieg. Jetzt setzt er eine Idee des Kasseler Fraunhofer-Instituts um, der Informationsdienst Enercast berechnet auf Basis von Wetterdaten den Ertrag erneuerbarer Energieträger im Voraus, minutengenau.
Einer wie Landgraf könnte in Berlin sitzen und aus einer umgebauten Fabrikhalle davon erzählen, wie er das nächste Google vorbereitet. Stattdessen ist sein Büro im ersten Stock eines frisch verputzten Reihenhauses im Kasseler Westen, Latte Macchiato gibt’s beim Rewe eine Etage weiter unten. Er sagt: „Es gab für mich nie einen Grund, Kassel zu verlassen.“
Vertrauen auf alte Stärken
Denn Kassel hat, was einigen ähnlich großen Städten, vor allem denen im Ruhrgebiet, fehlt: Universität und ICE-Bahnhof. Wie kaum anderswo zeigt sich in Kassel der enge Zusammenhang zwischen Bildung und Wirtschaftswachstum. Erst 1970 wird die Universität gegründet, Bürgermeister Hilgen nennt es „das wichtigste Ereignis seit dem Krieg“.
Wie wahr das ist, zeigt sich schon wenige Jahre später. Um Werner Kleinkauf, der als einer der ersten davon überzeugt ist, dass die Zukunft der Energie den dezentralen erneuerbaren Quellen gehört und bei dem auch Thomas Landgraf studiert, sammelt sich in den Achtzigerjahren eine Schar von höchst talentierten Nachwuchsforschern.
Drei von ihnen gründen 1981 SMA Solar, heute Weltmarktführer in der Herstellung von Wechselrichtern, dem Herzstück jeder Solaranlage. Viele andere machen es wie Landgraf, kleinere Produktions- und Dienstleistungsunternehmen rund um erneuerbare Energie entstehen.
Allein SMA hat in den vergangenen fünf Jahren mehrere Tausend Stellen am Standort Niestetal bei Kassel geschaffen, gerade hat eine Studie ergeben, dass aus den Ausgründungen der Universität in Kassel insgesamt mehr als 15.000 Arbeitsplätze hervorgegangen sind.
Dennoch lautet die wichtigste Erkenntnis aus dem Erfolg Kassels nicht, sich allein auf die Segnungen der Kopfökonomie zu verlassen. Es ist die Kombination aus dem Vertrauen auf alte Stärken und der Offenheit für Neues.
Denn die Vorwürfe, die sich die gesamte deutsche Wirtschaft jahrelang gefallen lassen musste, trafen auf Kassel stets in besonderem Maße zu. Zu viel alte Industrie, zu wenig Dienstleistungen, kaum Innovationen, das Ende naht.
Ausgerechnet Kassel. Das ist ein treffender Titel. Vor sechs Jahren bin ich dort weggezogen, weil ich als gut ausgebildeter junger Mann keine Arbeit gefunden habe. Jetzt lebe ich in Frankfurt und sehe aus der Ferne, wie dort nicht nur K+S, SMA und Wintershall einen beispiellosen Boom erleben. Auch die Infrastruktur wird ausgebaut (Flughafen, Uni, RegioTram) und im Umland florieren die Logistik-Unternehmen (Amazon, DHL, Volkswagen Zentrallager).
Wenn die Bank, in der ich arbeite, die Finanzmarktkrise nicht überstehen sollte, kehre ich vielleicht irgendwann in meine nordhessische Heimat zurück. Warum nicht? Dort lässt es sich sehr gut leben. Die Immobilien sind günstig. Das Kulturangebot ist gut. Die Natur ist schön.
Es gibt nur eine Sache, die mich an Kassel stört. Das Wetter.
Wenn man 25 Mio. € des Steuerzahlers verpulvert für ein weiteres Museeum, dass dauerhafte jährlich dann weitere Steuergelder verschlingt ist das absolut keine Erfolg, sondern desaströs. Ich sehe da 0 Grund zur Freude!
INSM also…
o.K. ist also platte Propaganda.
Das Blatt wird immer dünner, ich meine: inhaltlich.
Wusste gar nicht, dass die Holtzbrink-Gruppe zu den Hackfressen um Bouffier, Koch etc. gehört, nice to know!
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