Stasi-Unterlagen
Dutschke-Attentäter ein Neonazi?

Bislang unbekannte Stasi-Unterlagen werfen ein neues Licht auf den Tod von Rudi Dutschke. Der Attentäter hatte offenbar Kontakte zu einer Neonazi-Gruppe. Trotz mehrerer Hinweise sollen die Ermittler diesen Hinweisen damals nicht konsequent nachgegangen sein.
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ap HAMBURG. Der bislang als Einzelgänger geltende Dutschke-Attentäter Josef Bachmann soll Kontakte zu einer Neonazi-Gruppe gehabt haben. 30 Jahre nach dem Tod des Studentenführers Rudi Dutschke berichtete der "Spiegel" am Samstag vorab unter Berufung auf bislang unbekannte Stasi-Akten und Berliner Polizeiprotokolle, Bachmann habe enge Kontakte zu einer rechtsradikalen Gruppe unterhalten, die später als "Braunschweiger Gruppe" durch Sprengstoffanschläge bekanntgeworden sei.

Trotz mehrerer Hinweise in den Vernehmungen hätten die Ermittler diese Zusammenhänge damals nicht konsequent aufgedeckt. Der 23-jährige Hilfsarbeiter Bachmann hatte den Studentenführer am 11. April 1968 in Berlin auf offener Straße niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Am 24. Dezember 1979 starb Dutschke als Spätfolge des Anschlags. Bachmann wurde zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Februar 1970 beging er Selbstmord.

Bachmann verkehrte laut "Spiegel" in seinem Wohnort Peine unter anderen mit dem früheren NPD-Mann Wolfgang Sachse, der mit ihm das Schießen geübt und ihm Schusswaffen und Munition verkauft habe. Sachse bestätigte dem Blatt, dass er Bachmann noch kurz vor dem Attentat Munition verkauft habe. "Mensch, hör auf mit dem Scheiß", habe er zu Bachmann gesagt. "Lass mich mal machen", habe der geantwortet.

Mit seinen Gesinnungsgenossen habe Bachmann zuvor Anschläge auf die innerdeutsche Grenze verübt und dabei auch auf DDR-Grenzer geschossen. Sogar ein Attentat auf den damaligen DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht habe er geplant gehabt.

In den Berliner Polizeiprotokollen finden sich dem Blatt zufolge außerdem Aussagen Bachmanns und Dutschkes über den Tathergang. "Er sollte sterben", habe Bachmann demnach über seine Attentatsmotive gesagt.

Ende Mai hatte die Stasi-Akten-Beauftragte Marianne Birthler noch erklärt, dass über ihrer Behörde über Josef Bachmann keine Unterlagen vorliegen. Es sei bereits gezielt nach Akten über Bachmann gesucht, jedoch seien keine Hinweise auf eine inoffizielle Mitarbeit bei der Stasi gefunden worden.

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