Statiskstreit
Warum der DIW-Datenskandal keiner sein darf

Und sie regieren doch noch: Die Koalitionäre in Berlin wollen den Streit zwischen Wissenschaftlern vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Statistischen Bundesamt schnell vom Tisch haben. Finanzministerium, Wirtschaftsministerium und Innenministerium wollen an dieser Stelle keinen Koalitionskrach. Die Kontrahenten sollen sich gefälligst einigen.

BERLIN. Für Viktor Steiner und Jürgen Schupp geht es plötzlich um alles. Um die Ergebnisse jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit, um ihren Ruf als seriöse Wirtschaftsforscher, und sogar um die Frage, ob sie sich womöglich strafbar gemacht haben könnten. Darum sitzen die beiden Professoren, 52 Jahre alt der eine, 53 Jahre der andere, dort neben ihrem Chef, DIW-Präsident Klaus Zimmermann, und müssen sich gegen eine Handvoll Journalisten verteidigen. Viktor Steiner holt ganz tief Luft. "Das ist doch für einen Wissenschaftler völlig absurd, dass ich da einzelne Personen identifizieren und deren Steuergeheimnisse publizieren wollen würde", bricht es aus dem sonst eher stillen Mann im grauen Anzug heraus.

Seinen Kollegen Jürgen Schupp hält es kaum auf seinem Stuhl. "Es besteht die Gefahr, dass wir wieder rückwärts gehen in der Forschung, wenn wir Daten nicht mehr verknüpfen dürfen", fürchtet er.

Datenmissbrauch und Bruch des Steuergeheimnisses - so lautete der Vorwurf, den Roderich Egeler, der Präsident des Statistischen Bundesamtes, gegen die beiden Professoren und das DIW, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, erhoben hat. Es geht um eine DIW-Studie, die 2007 zu dem Ergebnis kam, dass in den 90er-Jahren nur die reichsten zehn Prozent der Deutschen überhaupt Einkommenszuwächse erzielt hatten. Dabei, so der Vorwurf der Bundesstatistiker, hätten die Forscher auf "nicht anonymisierte Mikrodaten" der Steuerstatistik zurückgegriffen und in Kauf genommen, dass Personen identifizierbar würden.

"Entsetzt" sei er darüber, schrieb Egeler an Zimmermann, nachdem das DIW diese lange bekannte Studie auch in einer Fachzeitschrift publiziert hatte. Zimmermann konterte nicht minder hart und warf Egeler einen "Willkürakt" vor. Dem DIW werde die Forschungsgrundlage entzogen, denn die Statistiker drohten ihm mit komplettem Datenentzug. Alles schien auf eine sommerliche Schlammschlacht hinauszulaufen.

Doch nichts da. Als der Streit zu Wochenbeginn im Handelsblatt öffentlich wird, treibt er in kaum 24 Stunden die auseinanderstrebende Große Koalition für einen Moment zurück zur Gemeinsamkeit - Wahlkampf hin, Wahlkampf her. Ruck, zuck sind sich das Finanzministerium von Peer Steinbrück (SPD), das Wirtschaftsministerium von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und das Innenministerium Wolfgang Schäubles (CDU) einig: An dieser Stelle wollen sie keinen Koalitionskrach. Die Kontrahenten sollen sich gefälligst einigen. Und zwar dalli.

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