Statt Studiengebühren
Österreich will für Studenten Geld sehen

Österreichs Hochschulen fordern einen finanziellen Ausgleich dafür, dass deutsche Studenten ihr Studium verstärkt auf den weitgehend zulassungsfreien Universitäten in der Alpenrepublik aufnehmen. Besonders betroffen sind die grenznahen Hochschulen in Innsbruck und Salzburg – die beliebtesten Ziele der deutschen Hochschüler.
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WIEN. Karlheinz Töchterle, Rektor der Uni Innsbruck, forderte am Dienstag im österreichischen Radiosender ORF, dass Deutschland für die zunehmende Studentenzahl bei den Nachbarn in Österreich aufkommen und bezahlen müsse. Für Christoph Badelt, Chef der österreichischen Rektorenkonferenz, sind solche Ausgleichszahlungen „der Weisheit letzter Schluss“. Auch in Österreich selbst müssten Reformen beschlossen werden, um den starken Zulauf von Studenten aus dem eigenen Land zu kanalisieren.

Die Zahl der deutschen Studenten ist in Österreich in den vergangenen Jahren stetig angestiegen. Im Wintersemester 2000/01 waren dort knapp 6400 Deutsche eingeschrieben, im Wintersemester 2008/09 waren es bereits mehr als 17 000. Auslöser dieser Entwicklung war eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes aus dem Jahr 2005, wonach es in Österreich keine Zulassungsbeschränkungen für EU-Ausländer mehr geben dürfe. Im jetzt begonnenen neuen Hochschuljahr 2009/10 ist die Zahl noch einmal gestiegen. Österreich hat im vergangenen Jahr die Studiengebühren abgeschafft, das hat den Druck aus Deutschland – aber auch aus dem eigenen Land – noch einmal verstärkt.

Die Universität Innsbruck beklagt, dass von gut 20 000 Studenten im jetzt begonnenen Wintersemester bereits mehr als 3 000 aus Deutschland kämen. An der Universität Salzburg liegt der Anteil deutscher Studienanfänger im Fach Kommuni-kationswissenschaft bei 45 Prozent, in der Psychologie bei 70 Prozent. „Das liegt daran, dass es in Deutschland Zugangsbeschränkungen in den betroffenen Fächern gibt und zudem in immer mehr Bundesländern Studiengebühren verlangt werden“, moniert der Salzburger Vizerektor Rudolf Mosler.

Attraktiv ist für junge Deutsche auch ein Medizin-Studium in Österreich, für das es dort keinen Numerus Clausus gibt. Allerdings ist der Zugang zum Medizin-Studiengang in der Alpenrepublik nicht komplett frei. Studenten müssen einen Eignungstest bestehen, um zugelassen zu werden. Und außerdem gibt es im Medizin-Studium als einer der weni-gen Studiengänge noch Zulassungsbeschränkungen für Ausländer. 20 Prozent der Medizin-Studienplätze dürfen in Österreich maximal an EU-Ausländer (in der Regel Deutsche) vergeben werden. Aber auch diese Sonderregel hat die EU im Blick: Möglicherweise fällt diese Quotenregel im Jahr 2012.

Österreichs Hochschulen beklagen, dass die eigene Regierung in Wien die Studiengebühren im vergangenen Jahr abgeschafft hat. Nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem eigenen Land gibt es deshalb jetzt wieder mehr Studenten. Der Staat müsse sich „endlich dazu bekennen, wie viele Kapazitäten in den einzelnen Studienrichtungen existieren“, fordert Christoph Badelt, der Vorsitzende der Rektorenkonferenz in Österreich.

Im internationalen Vergleich schneiden die Universitäten in der Tat ziemlich schlecht ab, das Betreuungsverhältnis Professoren zu Studenten ist extrem groß. In Österreich kommen mitunter bis zu 400 Studenten auf einen Professor, international üblich ist eine Relation von 1 zu 40 oder 1 zu 60. Die Studiengebühren, heißt es aus der Rektorenkonferenz, hätten dazu geführt, dass die Studenten schneller und konzentrierter studiert hätten. Die Abschaffung der Gebühren sorge nun wieder für das Gegenteil. Bis zum vergangenen Jahr mussten die Studenten in der Alpenrepublik maximal 700 Euro pro Jahr an Gebühren bezahlen.

An eine Besserung der Lage ist allerdings so schnell nicht zu denken. Verantwortlich dafür ist ein grund-sätzlicher Streit in der Großen Koalition in Wien über die Studiengebühren. Während sich die konservative Volkspartei ÖVP stets für solche Gebühren ausspricht, lehnt sie der Koalitionspartner SPÖ traditionell ab. So auch wieder am Dienstag. Die Sozialdemokraten wollen, dass die Hochschulen allen Bevölkerungskreisen offenstehen. Man dürfe keine „finanziellen Schranken“ setzen, sagte SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann. Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) verlangte die Wiedereinführung der Gebühren. Ausgleichszahlungen aus Deutschland lehnte er ab, da auch Österreicher gern zum Studium nach Deutschland gingen.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie

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