Steigende Umfragewerte stürzen die SPD in ein Dilemma
Debatte über Koalition mit der Union schadet Schröder

Die SPD-Präsiden konnten sich nicht in die Augen schauen. Wegen zahlreicher Wahlkampftermine konferierte die Parteispitze gestern nur per Telefon. Doch der Rüffel von Parteichef Franz Müntefering klang auch am Hörer unmissverständlich. Eindeutig "kontraproduktiv" sei die von mehreren Ministern losgetretene Debatte über eine große Koalition, wetterte der Sauerländer: "Jetzt ist Wahlkampf angesagt und nichts anderes."

BERLIN. Nicht nur der Vorsitzende war verärgert. Auch andere Mitglieder des Präsidiums äußerten sich hinter vorgehaltener Hand verstimmt. "Nun haben wir endlich einen guten Lauf - und dann das", stöhnte ein Genosse unter Verweis auf jüngste Umfrageergebnisse, die erstmals eine Mehrheit gegen einen Machtwechsel in Berlin dokumentiert hatten. Die SPD war in der Wertung der Demoskopen nahe an die lange schier unerreichbare 30-Prozent-Marke gerückt. Die Aussicht, mit ihrer Stimme indirekt CDU-Chefin Angela Merkel zur Kanzlerschaft zu verhelfen, dürfte die Basis kaum beflügeln, fürchtet man nun auch im Kanzleramt.

"Prinzipiell" sei "vieles vorstellbar, auch eine große Koalition", hatte Finanzminister Hans Eichel (SPD) am Sonntag erklärt. Eine große Koalition sei "jedenfalls kein Sündenfall", meinte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD). Und Innenminister Otto Schily (SPD) legte noch am Montag nach: Wenn die Menschen keinen Regierungswechsel wollten und es trotzdem für Rot-Grün nicht reiche, dürfe "man sich der Option auch einer großen Koalition nicht von vornherein widersetzen", sagte er.

Eigentlich alles Selbstverständlichkeiten. Und dennoch haben die drei wichtigsten sozialdemokratischen Ressortchefs klar eine unsichtbare Linie überschritten, die Müntefering und Kanzler Gerhard Schröder in den vergangenen Tagen gezogen hatten: Die SPD soll stärkste Partei werden, lautet diese Argumentation. Wenn möglich, soll die Koalition mit den Grünen fortgesetzt werden. Mit der Linkspartei werde es keine Zusammenarbeit geben, und der Rest liege in der Hand der Wähler.

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