Steinmeier
Die Suche nach dem Knalleffekt

Zu zahm, zu betulich: Noch immer fremdelt Frank-Walter Steinmeier in seiner Rolle als Kanzlerkandidat. Die Schlappe seiner SPD bei der Europawahl ist auch seine. Nun fragen die ersten Genossen: Kann der Außenminister nicht anders - oder will er nicht?

BERLIN. Interviews? Nein, heute nicht, danke. Am Tag eins nach der ersten schweren Niederlage meidet Frank-Walter Steinmeier die Öffentlichkeit. Es ist zehn Uhr, als der Kanzlerkandidat die Parteispitze trifft. Die Lage ist ernst, die Stimmung bescheiden. Keiner weiß so recht, warum es dieses Debakel bei der Europawahl geben musste. Alles deutete doch auf 25 oder 26 Prozent hin! Nun gut 20 Prozent, weniger als 2004. Steinmeier sagt: "Wir halten fest an unserer politischen Linie." Parteichef Franz Müntefering verkündet: "Steinmeier hat zweifellos die volle Unterstützung des Präsidiums - und sicher auch die des Parteitags."

Der Parteitag am kommenden Sonntag gehört - wie eigentlich auch die Europawahl - fest zur Wahlkampfchoreografie der SPD. Jubeln wollten sie dort. Über ihren Kandidaten, über den schrumpfenden Abstand zur Union, weil es dann im Endspurt zur Bundestagswahl noch reichen könnte, CDU und CSU einzuholen. Gerhard Schröder, der hat es 2005 doch auch beinahe geschafft - trotz Hartz IV und Steuersenkungen. Also, Wahlprogramm verabschieden, ausschwärmen im Land, Unentschlossene überzeugen. Attacke, SPD!

Dann kam die Europawahl.

Die ist nun verloren, und der Frontmann der SPD heißt Steinmeier, 53, geboren im ostwestfälischen Brakel, Jurist, seit 33 Jahren SPD-Mitglied, politischer Beamter, Außenminister und seit Oktober 2008 Spitzenkandidat der SPD für die Bundestagswahl. Eckdaten eines Mannes, der noch nie einen Wahlkampf selbst geführt hat und der von all jenen, die ihn mal auf einer Bühne erlebt haben, zwar Respekt, aber keine Begeisterung erhält. Die ersten Genossen fragen sich vorsichtig: Kann Steinmeier nicht anders - oder will er nicht?

Die Union verpasst ihm so etwas wie die politische Höchststrafe: Dort spotten sie laut, ob die SPD sich noch Volkspartei nennen dürfe. So weit ist es gekommen. Der Außenminister und qua Amt erste Europapolitiker im Land muss sich fragen, ob seinetwegen nur jeder Fünfte für die SPD gestimmt hat und warum weit mehr SPD-Anhänger erst gar nicht zu den Urnen gingen.

Steinmeiers Leid zeigt sich, als er wenige Tage vor der Europawahl im prunkvollen Saal der ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest steht. Eine Grundsatzrede zu Europa will er halten, hier in Budapest und nicht etwa in Berlin oder wenigstens Brüssel. Monoton trägt Steinmeier viel Wohlfeiles vor, der Applaus ist nicht mehr als höflich, bis nach Deutschland dringen seine Worte nicht, geschweige denn zu den eigenen Genossen.

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