Steinmeier in New York
Schnupperkurs im Krisenland

Eigentlich ist Frank-Walter Steinmeier ja als Außenminister zur Uno-Vollversammlung gekommen. Aber nun steht er in der Wall Street, im Hintergrund an der New Yorker Börse weht eine große deutsche Flagge. Derzeit nach New York zu kommen, ohne sich mit der amerikanischen Finanzkrise zu beschäftigen, scheint einfach unmöglich.

NEW YORK. Ob in der Uno-Vollversammlung, dem Mittagessen mit afrikanischen Kollegen, seinen bilateralen Gesprächen - "überall wird über die Finanzkrise gesprochen, auch auf den Fluren", meint Steinmeier.

Denn während die Amerikaner überlegen, wie sie Krise in den Griff bekommen können, sorgt sich der Rest der Welt, ob er selbst betroffen sein könnte. Auch Mexikos Präsident und der dänische Premierminister waren am Mittwoch schon zu Gesprächen in der Wall Street.

Also macht der Vizekanzler aus der Not eine Tugend und taucht ebenfalls in die Finanzwelt ein. Demonstrativ schaut sich der Vizekanzler etwa das Parkett der Börse an, diskutiert mit dem Chef der New York Stock Exchange. Bereits am Abend vorher setzte er sich im "Gotham", einem kleinen Restaurant nahe der 5th Avenue, mit Finanzexperten von Goldmann Sachs und der Citigroup zusammen, um aus erster Hand einen Eindruck der Krise zu bekommen.

Dabei ist Steinmeier deutlich anzumerken, in welche komfortabler Situation er sich und Deutschland dabei derzeit sieht. Demonstrativ bestellt er sich im "Gotham" ein handfestes Steak und nicht das modische Garnelen-Gericht - und schiebt lächelnd ein "ich nehme das realwirtschaftliche Essen" hinterher.

Denn in New York genießt er es, nicht nur als besorgter Kommentator der Krise aufzutreten, sondern auch als Mahner. Während die USA nun einen Preis für ihre viel größere Kapitalmarktabhängigkeit zahlten, entwickele Deutschland mit seinem früher verlachten hohen Industrieanteil und einer konservativem Finanzwirtschaft neuen Charme.

Ohnehin fühlt sich der Außenminister bei den finanzpolitischen Themen sichtlich wohl. Viele sind ihm noch aus seiner Zeit als Kanzleramtschef vertraut. Zudem lässt Steinmeier deutlich spüren, wie sehr er sich durch die Entwicklung bestätigt fühlt. "Beim G8-Gipfel in Glenn Eagles 2005 sind wir doch noch belächelt worden für unsere Forderung nach mehr Transparenz auf den Finanzmärkten", sagt er. Jetzt sitzen ihm amerikanische Spitzenmanager gegenüber und fordern vor allem dies: mehr Regulierung durch den Staat und mehr Transparenz.

Wie in der Diplomatie strahlt Steinmeier nun auch in der Finanzpolitik neues europäisches Selbstbewusstsein aus. "Dies ist nicht nur eine ökonomische Krise", sagt er in die Kameras, die ihn vor der Stock Exchange erwarten. "Das stellt auch das Selbstverständnis der Amerikaner als Mutterland des freien Marktes und der Grenzenlosigkeit des freien Wettbewerbs" in Frage. Die Forderung der Bundesregierung "und vor allem des Finanzministers" nach internationalen Regeln für die Finanzmärkte finde immer mehr Zuspruch. "Wichtig wäre etwa eine gemeinsame internationale Aufsichtsbehörde, die neue Produkte prüft."

Am Ende holen Steinmeier aber doch wieder klassische Pflichten eines Außenministers ein. Das geplante Treffen mit dem Präsidenten der Federal Reserve Bank in New York muss er wegen eines anderen dringenden Problems wohl wieder absagen - der Krise um Georgien.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%