Steinmeier
Wahlkampfgrüße aus Moskau

Beim Besuch in Russland wird SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier auffallend hofiert – das freut den Außenminister nach der Wahlschlappe am Sonntag erkennbar. Doch gerade deshalb wird die Reise zu einem schwierigen Balanceakt für Steinmeier.

HB MOSKAU. Gerade noch hat Dmitrij Medwedjew ein paar belanglose Sätze über internationale Probleme verloren, über die er mit seinem Gast gleich sprechen wolle. Jetzt setzt er ein süffisantes Lächeln auf und blickt seinen Gegenüber Frank-Walter Steinmeier an. „Und dann würde mich Ihre Meinung interessieren, was in Deutschland gerade passiert“, sagt er. Es soll „interessante Entwicklungen“ geben. „Sie haben ja jetzt Hochsaison.“ Ob er damit die deutsche Politik allgemein oder den SPD-Kanzlerkandidaten direkt meint, der gerade die Schlappe seiner Partei bei der Europawahl zu verarbeiten hat, lässt der russische Präsident offen.

Aber Steinmeier geht auf die Bemerkung vorsichtshalber erst gar nicht ein. Es könnte nur den gewünschten Eindruck der Vorzugsbehandlung zerstören, die er gerade in Moskau erfährt. Denn nach Jahren guter Zusammenarbeit revanchiert sich der russische Präsident mit großen Gesten: Medwedjew empfängt den deutschen Außenminister auf seinem Privatsitz Schloss Maiendorf vor den Toren Moskaus, nimmt sich Zeit und lässt den Beginn des Gespräches minutenlang filmen lässt. Protokollarisch ist das ungewöhnlich. Doch jetzt sitzen beide in dem holzvertäfelten Raum mit einem riesigen Arche-Noah-Gemälde an der Decke und demonstrieren Nähe. Man habe sich doch gerade noch vor dem G20-Treffen in London gesehen, plaudert Medwedjew.

Ein Kandidat sucht die Balance

Steinmeier kann die nette Geste gut gebrauchen. Denn der Besuch in Russland hat für ihn eine doppelte Bedeutung. Zum einen will er demonstrieren, dass für den Außenminister der Großen Koalition die Arbeit auch nach dem Rückschlag weiter geht. Unbeirrt und mit demonstrativer Festigkeit will er seine Kreise ziehen. Zum anderen aber will er als SPD-Kanzlerkandidat mit starken Bilder beweisen, dass sein Ansehen in der Welt dem der Kanzlerin nicht nachsteht. Das lässt den Besuch in Moskau zu einem schwierigen Balanceakt zwischen innen- und außenpolitischen Botschaften werden – zumal Steinmeier von dem Präsidenten der russischen Akademie der Wissenschaften gleich am Morgen versehentlich mal als Vizekanzler, mal als Kanzler angesprochen wird.

Nicht zuletzt aber will der in der eigenen Partei als zu zögerlich kritisierte Vizekanzler beweisen, dass er auch die Abteilung Attacke beherrscht – gegen alle Partner. Bereits am Morgen hat Steinmeier noch in Deutschland mit einem „Bild“-Interview eine kleine mediale Bombe platzen lassen, indem er Karl-Theodor zu Guttenberg kritisierte. Es könne nicht sein, dass der Arbeitsminister für den Erhalt von Arbeitsplätzen arbeite und der Wirtschaftsminister für Insolvenzen – mehr Stichelei gegen einen Kabinettskollegen geht kaum noch in der Großen Koalition, die erkennbar auf Wahlkampf einschwenkt und dafür auseinanderstrebt.

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