Steuern
Firmen schleusen 65 Milliarden Euro am Fiskus vorbei

Deutsche Kapitalgesellschaften entziehen dem Fiskus nach einem Zeitungsbericht jährlich rund 65 Milliarden Euro. Die große Koalition will als Konsequenz vor allem gegen die Verschiebung von Unternehmensgewinnen ins Ausland vorgehen.

HB BERLIN. Die Experten des Ministeriums hätten die Abweichung zwischen dem erwirtschafteten und dem steuerlich erfassten Gewinn der Firmen ermittelt, berichtet die Zeitung „Die Welt“ unter Berufung auf ein internes Papier des Bundesfinanzministeriums. Grundlage dafür seien zum einen Zahlen aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, zum anderen das Aufkommen aus der Körperschaftsteuer.

Die große Koalition will im Rahmen der geplanten Unternehmensteuerreform die steuerbedingte Verschiebung von Unternehmensgewinnen ins Ausland einschränken und erreichen, dass die deutschen Firmen ihre Steuern auf die Gewinne wieder in einem höheren Maße im Inland zahlen. Gelingen soll dies, indem die Unternehmensteuersätze kräftig gesenkt und im Gegenzug Ausgaben für Zinsen, Mieten, Pachten und Leasingraten zur Hälfte der Steuerbasis zugeschlagen werden.

Konkret will die Bundesregierung ab 2008 die nominelle Belastung von Kapitalgesellschaften von heute gut 38 auf knapp 30 Prozent senken. Da die Steuerausfälle fünf Mrd. Euro nicht übersteigen sollen, werden verschiedene Gegenfinanzierungsvarianten diskutiert, die alle letztlich auf eine Besteuerung von Kosten hinauslaufen würden.

Gegenüber dem Status quo würde ein Modellunternehmen je nach Gegenfinanzierungsalternative 12, 17 oder 25 Prozent weniger Steuern zahlen, so das Ergebnis einer noch unveröffentlichten Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die dem Handelsblatt vorliegt. Je nachdem, welche der diskutierten Gegenfinanzierungsoptionen gewählt würde, würde Deutschland im europäischen Standortranking um zwei bis vier Plätze in Richtung hinteres Mittelfeld vorstoßen. Derzeit liegt die Bundesrepublik im ZEW- Unternehmensteuervergleich für zwölf EU-Länder auf dem vorletzten Platz.

Das ZEW warnt aber vor großem Optimismus. „Eine spürbare Verbesserung der Standortattraktivität und der Bedingungen für mehr Wachstum und Investitionen ist mit der Reform nicht verbunden“, sagte ZEW-Ökonom Christoph Spengel dem Handelsblatt. Verschuldete und innovative Unternehmen profitierten kaum oder würden sogar stärker belastet. Gewinner seien ertragsstarke Firmen. Berücksichtige man überdies die Belastung auf der Eigentümerseite, verschlechtere sich die Position Deutschlands gegenüber dem Status quo sogar.

Das ZEW gilt als führend bei der Berechnung der effektiven Steuerbelastung. Die Experten haben mit realen Bilanzdaten Modellunternehmen des verarbeitenden Gewerbes entwickelt und berechnen für diese unter Berücksichtigung aller Steuerrechtsänderungen die effektive Last.

Unter den drei Finanzierungsvarianten sei die „Mindeststeuer“ eindeutig das geringste Übel, betonte Spengel. Bei den beiden anderen Szenarien würden Firmen mit geringen Umsatzrenditen oder geringen Eigenkapitalquoten klar benachteiligt. Im Verkehrsgewerbe könnte es aufgrund der besonderen Finanzierungsstruktur sogar zu Mehrbelastungen kommen.

Besonders kritisch sehen die ZEW-Experten die Verknüpfung der Unternehmensteuerreform mit der Abgeltungsteuer auf Zinsen, Dividenden und Veräußerungsgewinnen. Diese führe zusammen mit der Zinsabzugsbeschränkung auf Unternehmensebene zu einer Doppelbesteuerung der erwirtschafteten Erträge. Dies führe tendenziell zu einer Höherbesteuerung des Mittelstands. Dort sei die Gesamtlast auf Unternehmens- und Gesellschafterebene relevant. Für diese Unternehmen steige die Steuerlast um 1,7 bis 4,15 Prozent. „Für den Mittelstand verschlechtert sich die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber im Ausland ansässigen Konkurrenten“, so Spengel. Die Abgeltungsteuer führe dazu, dass Eigenkapitalerträge mit 51 Prozent besteuert würden, während Fremdkapitalzinsen auf Unternehmensebene nicht oder nur teilweise besteuert würden.

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