Steuerrecht
Abgeltungsteuer wird zur Rentnerfalle

Mit der Abgeltungssteuer sollten alle Kapitaleinkünfte pauschal mit 25 Prozent besteuert werden. Doch tatsächlich kann diese Belastung in manchen Fällen auf bis zu 39 Prozent ansteigen, zeigen Berechnungen eines Berliner Steuerexperten der Freien Universität. Die meisten Betroffenen dürften Rentner sein.

DÜSSELDORF. Eigentlich war die Sache ganz einfach gedacht: Mit Einführung der neuen Abgeltungsteuer sollten ab 2009 alle Kapitaleinkünfte pauschal mit 25 Prozent besteuert werden. Um Geringverdiener mit niedriger Steuerbelastung nicht schlechter zu stellen, prüft das Finanzamt, ob im Einzelfall eine Besteuerung nach dem Steuertarif nicht günstiger als die Abgeltungsteuer ist. Dies dürfte bei vielen Rentnern der Fall sein, die neben Kapitaleinkünften nur recht geringe andere Bezüge haben. Das klingt zunächst einfach, fair und unbürokratisch.

"Tatsächlich kann es aber sehr wohl zu Schlechterstellungen kommen", sagte der Steuerexperte der Freien Universität Berlin Frank Hechtner dem Handelsblatt. Seine Berechnungen zeigen, dass die maximale Belastung der Kapitaleinkünfte auf bis zu 39 Prozent steigen kann. Dies bedeute, dass Teile der Kapitaleinkünfte um 14 Prozentpunkte stärker belastet würden als vom Gesetzgeber eigentlich gewollt.

Grund für diese Verwerfungen ist, dass bei einem progressiven Steuertarif zusätzliches Einkommen eines Steuerpflichtigen immer überdurchschnittlich hoch besteuert wird; die Grenzbelastung ist also stets höher als die Durchschnittsbelastung. Liegt nun die Durchschnittsbelastung eines Bürgers unter 25 Prozent, besteuert der Fiskus Kapitaleinkünfte mit dem Steuertarif - und die Steuer auf zusätzliche Zinsen und Dividenden kann auf bis zu 39 Prozent steigen.

Die meisten Betroffenen dürften Rentner sein. Sie haben häufig recht üppige Kapitaleinkünfte und nur geringe sonstige steuerpflichtige Einkommen. Grund ist, dass gesetzliche Renten meist nur zur Hälfte versteuert werden müssen; andere Alterseinkünfte wie etwa Betriebsrenten oder bestimmte Privatrenten gehen zu noch geringeren Anteilen in die Steuerberechnung ein oder bleiben ganz steuerfrei.

Ein Rentner, der 6 000 Euro Rente und 26 000 Euro Kapitaleinkünfte im Jahr versteuern muss, zahlt ohne Günstigerprüfung 6 500 Euro Abgeltungsteuer auf seine Zinsen. Da sind die 6454,46 Euro tarifliche Steuer für ihn günstiger. Doch steigen nun seine Kapitaleinkünfte um 100 Euro, steigt seine Steuerlast um 32,80 Euro - "also deutlich stärker, als eigentlich vorgesehen", sagte Steuerexperte Hechtner. "Hinsichtlich seiner bezogenen Kapitaleinkünfte wird dieser Steuerpflichtige deutlich schlechter behandelt als Bezieher mit hohen Einkünften." Das eigentliche Ziel der Günstigerprüfung durch das Finanzamt - nämlich Kapitaleinkünfte mit dem niedrigeren persönlichen Steuersatz statt mit 25 Prozent Abgeltungsteuer zu belasten - werde verfehlt.

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