Steuervereinfachungsgesetz: Firmen im Dickicht der Bürokratie

Steuervereinfachungsgesetz
Firmen im Dickicht der Bürokratie

Für Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) war es eines der wenigen Steuergesetze, wofür ihn Unternehmer und Steuerberater gelobt haben: das Steuerbürokartieabbaugesetz von 2008. Im Mittelpunkt steht die Umstellung der Firmen-Steuererklärungen auf elektronischen Datenaustausch. Zwei Jahre später ist die Euphorie der Wirtschaft jedoch verflogen.
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BERLIN. „Die Finanzverwaltung verlangt jetzt erheblich mehr Angaben als bisher. Die Steuerbilanzen müssten mit hohem Aufwand völlig neu erarbeitet werden“, kritisiert Bernd Jonas, Steuerabteilungsleiter bei Thyssen-Krupp die geplante Anwendung der neuen Regeln ab 2011.

Anlass des Ärgers ist die geplante Verwaltungsvorschrift („BMF-Schreiben“) zu dem Gesetz. Die Beamten haben sich für die elektronische Steuerbilanz lange Formulare mit fein untergliederten „Muss-Feldern“ einfallen lassen, die unbedingt von den Firmen („zwingend“) auszufüllen sind. Ziel des Finanzministeriums ist es dabei auch, die Bilanzen zu standardisieren.

„Die Finanzverwaltung beschränkt sich nicht auf das Ziel ’Elektronik statt Papier’, das im Gesetz vorgegeben ist, sondern weitet die Informationspflichten durch die Hintertür aus“, kritisiert BDI-Steuerexperte Berthold Welling. Die Fragen des Finanzamts müssten dringend auf die bisherigen Angaben beschränkt bleiben.

Für Großunternehmen wie Thyssen-Krupp sei ohnehin überflüssig, dass sie eine elektronische Steuerbilanz erstellten, so Jonas: Sie würden bereits heute fortlaufend von Finanzbeamten geprüft. „Die Steuerprüfer sind täglich im Unternehmen“, so Jonas. die Aufstellung einer elektronischen Steuerbilanz sei überflüssige Doppelarbeit.

Aus Sicht des Kölner Experten für betriebswirtschaftliche Steuerlehre, Norbert Herzig, erhöht das Verwaltungsschreiben den Bürokratieaufwand vor allem für Mittelständler. Sie müssten mehr als 1000 Felder elektronisch ausfüllen.

Herzig sieht allerdings für bürokratiegeplagte Firmen einen Ausweg: Wenn etwa wegen der Rechtsform eines Unternehmens ein „Muss-Feld“ passt, kann man dort auch „leer“ eintragen, der technische Begriff dafür lautet „NIL-Wert“. „Den Erkenntnisgewinn der Finanzverwaltung und die Möglichkeiten zum Einsatz automatisierter Prüfverfahren reduziert dies gleichwohl deutlich“, merkt Herzig in einer Analyse im Blog „Steuerboard“ auf handelsblatt.com an.

Für das Finanzamt würde die elektronische Steuerbilanz womöglich wertlos. Die acht größten Wirtschaftsverbände fordern ein pragmatisches Vorgehen mit weniger Pflichtfeldern und vor allem eine Übergangszeit, bis überall die Software läuft: Bis Anfang 2011 sei dies nicht mehr zu schaffen.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Steuervereinfachungsgesetz: Firmen im Dickicht der Bürokratie"

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  • Ob solche erweiterten bilanzen notwendig sind, weiß ich nicht.
    ich wette, daß zu viele "Nil-Werte" mit einem steigenden Prüfungsdruck beantwortet werden. in der Regel haben solche Firmen etwas zu verschweigen.

    Ob dies im Sinn der jeweiligen Firma ist, wage ich zu bezweifeln.

    im Übrigen, was hindert die Steuerberater eigentlich daran, zusammen mit der FinVerw eine einvernehmliche Lösung zu suchen, die allen interessen gerecht wird?

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