0 Bewertungen
13.06.2008 
Schlechte Betreuung durch Banken

Stiftungen in Deutschland boomen

von Barbara Gillmann

Jeden Tag entstehen in Deutschland drei neue Stiftungen. Vor allem bei den Themen Integration von Migranten und Bildung greifen sie dem trägen Staat unter die Arme und sorgen für wichtige Entwicklungen auf diesen Feldern. Ein Dorn im Auge sind dem Stiftungs-Verband allerdings die Konditionen der Banken für ihre Klientel.

BERLIN. Die Gesamtzahl der rechtsfähigen Stiftungen ist mit fast 15 500 nahezu so hoch wie vor dem zweiten Weltkrieg, sagte der Generalsekretär des Bundesverbandes deutscher Stiftungen, Hans Fleisch, bei der Vorstellung des Stiftungsreports 08/09. Die Summe des Stiftungskapitals summiere sich nach einer groben Schätzung mittlerweile auf rund 100 Milliarden Euro.

Als Ursache des wachsenden Interesses gilt zum einen die Reform des Stiftungsrechtes, aber auch ein Mentalitätswechsel in der Bevölkerung: Während sich der Großteil der Bevölkerung noch vor wenigen Jahren nicht für Stiftungen interessierte, billigen ihnen heute schon zwei Drittel eine wichtige positive Rolle zu. Die Menschen vertrauten immer weniger auf den Staat, statt dessen mache sich eine "Wir-können-das-auch-selbst"-Haltung breit, sagte Fleisch.

Der renommierte Integrationsforscher Klaus Bade lobte Stiftungen als "Pioniere" auf dem Feld der Integration und der Bildung - also zwei Großbaustellen der deutschen Politik. Sie bewegten sich auf diesem Feld "wie Antilopen, die den staatlichen Elefanten vorauslaufen". Das sei umso bedeutender, als sich die Folgekosten mangelnder Integration nach einer Bertelsmann-Studie auf jährlich bis zu 16 Mrd. Euro beliefen, mahnte Bade.

Von den rund 900 Stiftungen, die sich der Integration von Migranten vor allem über Bildung widmen, lobte er vor allem das Start-Programm der Hertie-Stiftung, das jungen Menschen den Weg zum Abi und so auch zum Studium ebnet, und die Förderschulen der Mercator-Stiftung für Migranten. Im Stiftungsreport plädiert auch die Bundeskanzlerin für mehr Kooperation des Staates mit Stiftungen in Sachen Integration.

Ein Dorn im Auge sind dem Stiftungs-Verband allerdings die Konditionen der Banken für ihre Klientel: Im Schnitt habe die Rendite in den beiden vergangenen Jahren bei nur 4,4 Prozent gelegen, monierte Fleisch. Dass fast jede siebte Stiftung mehr als fünf Prozent aus ihrem Kapital hole, beweise, dass mehr möglich sei. Fleisch rief daher vor allem kleinere Stiftungen auf, sich zusammen zu tun, um ihre Position gegenüber den Banken zu stärken.

Völlig unterbelichtet sei die Kreditwirtschaft bei ethischen, ökologischen und sozialen Geldanlagen - obwohl das Interesse daran rapide zunehme. 60 Prozent von 800 befragten Stiftungen seien hier mit dem Angebot und der Beratung unzufrieden. Bei einem Gesamtvermögen der deutschen Stiftungen von 100 Mrd. Euro sei das eine vernachlässigte Summe von bis zu 60 Mrd. Euro, machte Fleisch die Dimension klar.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Finanzkrise: Misstrauen durchdringt all...

    Finanzkrise: Misstrauen durchdringt alle Bereiche

    Keine Frage, die Finanzkrise, die wir derzeit erleben, ist außergewöhnlich. Alle Vergleiche mit vorherigen Wirtschaftskrisen hinken. Und das Vertrauen ist zerstört, wie ein Blick auf wichtige Indikatoren des Finanzmarktes zeigt.Bildergalerie 

  • Hier versickern unsere Steuergelder

    Hier versickern unsere Steuergelder

    Ein Schwimmbad, das niemand nutzt. Gratis-Fitness für städtische Angestellte. Staatliche Tipps zum Umgang mit Wölfen ("Sie sind keine Kuscheltiere") – das neue "Schwarzbuch" des Bundes der Steuerzahler listet wieder die krassesten Fälle öffentlicher Verschwendung auf.Bildergalerie 

  • Was der Seehofer-Wechsel für Merkel bed...

    Was der Seehofer-Wechsel für Merkel bedeutet

    In Berlin steht eine Kabinettsumbildung an. Da Bundesagrarmnister Horst Seehofer (CSU) als Ministerpräsident nach Bayern wechselt, muss sein Posten in der Bundesregierung neu besetzt werden. Möglicherweise nutzt Kanzlerin Angela Merkel die Gelegenheit, um auch Veränder...Bildergalerie 

vor

 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

In der loose-loose-Falle  Artikel in Merkliste

10.10.2008 von Barbara Gillmann

Die große Mehrheit, mit der die Hamburger Grünen für die Fortsetzung der Koalition gestimmt haben, verblüfft. Die Ökopartei, die im Bundestagswahlkampf vor allem mit dem Klimaschutz punkten will, riskiert, dass sie den Kredit beim Wähler auf dem für sie existienziellen Feld verliert. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Alles ist anders  Artikel in Merkliste

09.10.2008 von Andreas Rinke

Mit der Finanzkrise schlägt den Gewerkschaften plötzlich der politische Wind ins Gesicht. Kommentar