Stimmungsbericht
Das große Grauen der Grünen

Der erste Grüne, der sich kurz nach 18 Uhr blicken lässt in der Parteizentrale in Berlin, ist der Bundestagsabgeordnete Winne Hermann. Der Fraktions-Linksaußen, bekannt für klare und unabgestimmte Worte, kommt gleich zur Sache: Vertrauensfrage? Nicht auszuschließen. Unternehmensteuern senken? Wachsendes Fragezeichen. "Selbstkritische Analyse ist jetzt angesagt." Da kommt von hinten Bundesvorstandsmitglied Omid Nouripour und zieht ihn am Ärmel.

BERLIN. Der erste Grüne, der sich kurz nach 18 Uhr blicken lässt in der Parteizentrale in Berlin, ist der Bundestagsabgeordnete Winne Hermann. Der Fraktions-Linksaußen, bekannt für klare und unabgestimmte Worte, kommt gleich zur Sache: Vertrauensfrage? Nicht auszuschließen. Unternehmensteuern senken? Wachsendes Fragezeichen. "Selbstkritische Analyse ist jetzt angesagt." Da kommt von hinten Bundesvorstandsmitglied Omid Nouripour und zieht ihn am Ärmel.

Die Öffentlichkeit erfährt erst eine gute halbe Stunde später, was Nouripour schon seit einigen Stunden weiß: Neuwahlen im Herbst. Wen interessiert da noch, ob in NRW die Grünen vor der FDP liegen oder umgekehrt? Noch nie war der Satz "Nach der Wahl ist vor der Wahl" so wahr wie an diesem Abend.

Die Grünen haben eine "schwere, bittere Niederlage" erlitten, räumt Parteichef Reinhard Bütikofer später unumwunden ein. Nicht nur sind sie künftig auf Landesebene in keiner einzigen Regierung mehr vertreten. Zu Jahresbeginn hatte man ihnen noch zweistellige Ergebnisse vorhergesagt. Jetzt bahnt sich bei den Grünen die Erkenntnis Raum, dass die Zeiten, da nur die SPD dem Wählerzorn den Kopf hinhalten musste, vorbei sind.

"Das Land kann nicht warten, dass wir Wunden lecken und uns in internen Auseinandersetzungen ergehen", mahnt Bütikofer. "Die Augen richten sich nach vorne", sagt er, und was er da sieht, ist dies: "Auf den Prüfstand" müssen jetzt "drei Themengebiete, die bei den Wahlen eine besonders große Rolle gespielt haben: Wirtschaftspolitik und Arbeitsplätze, Bildungspolitik und die sozialen Fragen". Also Kurswechsel? Das werde man sehen, sagt Bütikofer. Am 30. Mai werde der Bundesvorstand mit den Landesvorständen beraten, wie es weitergeht.

Dem Bundestagswahlkampf, der wohl mit diesem Abend als eröffnet gelten kann, dürften die Grünen freilich mit einigem Unbehagen entgegensehen: Fast jeder vierte Grüne kommt aus NRW. Der eher linke Landesverband dürfte in der Opposition kaum noch Rücksichten auf die Nöte der Bundeskoalition nehmen. Mit Bärbel Höhn an der Fraktionsspitze "werden sie sich gegen die Bundesgrünen positionieren", glaubt der Parteienforscher und Grünen-Experte Markus Klein, "im Sinne der reinen Lehre". Mit Hartz-IV-Skepsis und Umwelt-Hardlinertum an Rhein und Ruhr die Republik von weiteren vier Jahren Rot-Grün im Bund zu überzeugen - da gibt es leichtere Aufgaben.

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