Stoiber-Nachfolge
Große Oper im Zelt

Horst Seehofer und Erwin Huber wollen Edmund Stoiber als Chef der CSU beerben. Dabei entfachen sie einen Machtkampf zwischen Fußvolk und Parteispitze. Eine Handelsblatt-Reportage.

PUCH/NANZING. Akt eins, erster Auftritt: Der Verführer erklimmt die Bühne. „Da kommt unser Donn Tschowanni Horst“, raunzt einer ins berstende Bierzelt bei Puch – irgendwo bei Markt Indersdorf auf der großen weiten Wiese Bayerns, zwischen ganz hohen Tannen und stoppelgarstigen Äckern.

Schon bläst die Kapelle in 1 400 Ohren zum Auftritt des in seiner Popularität gar nicht so angeknacksten Ingolstädters die Ouvertüre. Laute Ovationen. Und „Don Horst“ Seehofer schwört auch nicht länger scheinheilig wie früher: „Ich ziehe meine Kraft aus meiner Familie.“ Heute beteuert er: „Ich ziehe meine Kraft aus meiner Natur.“

Seine Natur muss ganz schön rustikal sein, will der 58-Jährige doch gegen alle Widerstände der Parteibonzen neuer CSU-Chef werden und somit Ernst Huber, den Wirtschaftsminister, aus dem Feld schlagen. Beide wollen das Partei-Erbe von Edmund Stoiber antreten, Günther Beckstein das andere, das des Ministerpräsidenten. Und damit hat Seehofer die wichtigsten CSU-Politiker gegen sich. Ende September ist das Bierzelt-Wettrennen zu Ende, und 1 000 Delegierte werden ihren Chef küren.

Fröhlich verschmitzt, wenngleich ein bisserl bleichgesichtig, baut sich Seehofer zwischen Blumenbouquets und Filzhüten, direkt vor der Blaskapelle Petershausen 1925 auf. Hier steht der Verführer im Kleid des Biedermanns auf seinen liebsten Brettern und kann gar nicht anders.

Den Mann im braunen Anzug von der Stange adressiert die vorsichtige lokale Prominenz immer nur mit „der Herr Bundesminister“. So als sei dies die einzige mögliche Formel, den Unhold im Privatmann, den Affärenpolitiker der CSU zu exorzieren. Und so freut sich „der Herr Bundesminister“ bübisch darüber, wie locker dieses Ritual abgespult wird. „Normalerweise bin ich von vielen Freunden umzingelt, hier aber bin ich von Freunden umgeben“, charmiert er das Gästeheer im Bierzelt.

„Sie lesen ja fast tagtäglich, dass ich ganz alleine bin“, trötet er in die Reihen, „dass sich niemand um mich kümmert und ich deshalb den ganzen Tag alleine am Computer sitze und auf die einzige freundliche E-Mail warte, die mich einlädt.“ Mit lautem Klatschen und freundlichem Johlen bezeugen alle, dass dem gar nicht so ist: Du bist nicht allein!

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