Streit um Auftritt von Bozdag Deutscher Botschafter in Ankara einbestellt

Der türkische Justizminister Bekir Bozdag wollte in Baden-Württemberg Werbung für Erdogans Verfassungsreform machen. Die Stadt Gaggenau stellte sich quer. Nun wurde der deutsche Botschafter in Ankara einbestellt.
Update: 02.03.2017 - 20:42 Uhr 34 Kommentare
Nach Angaben der türkischen Regierungspartei AKP handelt es sich um einen Wahlkampfauftritt, bei dem der Minister um Zustimmung für ein Präsidialsystem beim bevorstehenden Referendum in der Türkei werben will. Quelle: AFP
Der türkische Justizminister Bekir Bozdag

Nach Angaben der türkischen Regierungspartei AKP handelt es sich um einen Wahlkampfauftritt, bei dem der Minister um Zustimmung für ein Präsidialsystem beim bevorstehenden Referendum in der Türkei werben will.

(Foto: AFP)

Ankara/Gaggenau/Berlin/KölnDas türkische Außenministerium hat nach einem Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu den deutschen Botschafter in Ankara einbestellt. Grund für die Einbestellung von Botschafter Martin Erdmann sei der verweigerte Auftritt des türkischen Justizministers Bekir Bozdag im baden-württembergischen Gaggenau, meldete Anadolu am Donnerstagabend.

Aus Protest gegen die Verhinderung seines Auftritts in Deutschland hat der türkische Justizminister Bekir Bozdag ein geplantes Treffen mit Bundesjustizminister Heiko Maas abgesagt. Er werde stattdessen direkt in die Türkei zurückkehren, sagte Bozdag am Donnerstag bei einem Besuch in Straßburg. Der türkische Minister übte scharfe Kritik daran, dass sein Auftritt in Gaggenau gestoppt wurde. Meinungs- und Versammlungsfreiheit würden ignoriert, sagte er. „Was ist das für eine Demokratie?“ Und weiter: „Das kann man mit Demokratie und Meinungsfreiheit nicht erklären. Schon gar nicht schickt es sich für einen Rechtsstaat.“ Er wiederholte die Anschuldigung der türkischen Regierung, wonach Deutschland nicht gegen Angehörige der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vorgehe. „Die Terroristen dürfen sich ausdrücken, für sie gilt das Versammlungsrecht und das Demonstrationsrecht. Aber es wird nicht ermöglicht und erlaubt, dass der Minister eines demokratischen Landes auf einer Versammlung seine Meinung darlegt.“

Bozdag lobte dagegen „das demokratische Klima in der Türkei“. Er sagte: „Heute kann sich in der Türkei jeder versammeln, wie er will, um sich auszudrücken. Wer auch immer aus Deutschland eine Versammlung, eine Demonstration abhalten oder eine Rede halten will, dem stehen alle Gemeinden, alle Säle offen.“ Tatsächlich ist die Versammlungsfreiheit unter dem seit Juli 2016 geltenden Ausnahmezustand eingeschränkt. Bereits davor ging die Regierung mit großer Härte gegen regierungskritische Demonstrationen vor.

Der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan sprach von einer „Skandal-Entscheidung“. Das Auftrittsverbot sei aus „fadenscheinigen Gründen“ erfolgt, teilte der Sprecher Ibrahim Kalin auf Twitter mit. „Mit solchen Entscheidungen kommt das wahre Gesicht derjenigen offen zum Vorschein, die bei jeder Gelegenheit versuchen, der Türkei Lektionen in Demokratie und Meinungsfreiheit zu erteilen.“

Nach Angaben der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu hatte Maas um ein Treffen mit Bozdag gebeten, das am Donnerstagabend in Karlsruhe stattfinden sollte. Die Beziehungen zwischen Berlin und Ankara sind derzeit wegen der Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel schwer belastet. Ursprünglich hatte Bozdag zugesagt, sich mit Maas zu treffen, um die über die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel zu sprechen.

Derweil erklärte Bundesaußenminister Sigmar Gabriel reine Wahlkampf-Reisen türkischer Minister nach Deutschland für unerwünscht. Er erwarte, dass Gäste aus der Türkei „nicht nur zu Wahlkampfveranstaltungen fahren, sondern sich dann auch dem Gespräch beispielsweise mit dem Justizminister oder dem Wirtschaftsminister oder dem Außenminister oder mit wem auch immer stellen“, sagte Gabriel bei einem Besuch in Kiew. Dies habe das Auswärtige Amt am Donnerstag auch noch einmal dem Botschafter der Türkei gegenüber klargemacht. „Denn wir müssen dieses Problem schnellstmöglich klären. Der Schaden, der dort derzeit existiert, ist außerordentlich groß“, erklärte der Minister.
Die Bundesregierung versuche weiter, der Regierung in Ankara klarzumachen, dass die Inhaftnahme des „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel nach deutscher Auffassung gegen geltendes Recht verstoße und dass sie die Meinungs- und Pressefreiheit einschränke, sagte Gabriel. Es werde sehr schwierig werden, diese „Beschädigung im deutsch-türkischen Verhältnis“ wieder zu beseitigen. „Es ist eine schwere Belastung (...) und wir hoffen sehr darauf, dass die türkische Seite – und zwar auch die türkische Justiz – den Argumenten der Anwälte, aber auch der deutschen Botschaft, der Bundesregierung als Ganzes, sowohl der Kanzlerin als auch von mir, folgt“, betonte Gabriel.

Ursprünglich hatte Bozdag am Donnerstagabend in Deutschland auftreten wollen – ungeachtet der Spannungen wegen der Inhaftierung des Welt-Korrespondenten Deniz Yücel in der Türkei. Der Abgeordnete Mustafa Yeneroglu von der Regierungspartei AKP sagte der Deutschen Presse-Agentur in Istanbul, die Veranstaltung mit Bozdag sei für Donnerstagabend im baden-württembergischen Gaggenau geplant gewesen. Ein Sprecher der Stadt sagte, es handele sich um die Gründungsversammlung der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) im Landkreis Rastatt.

Der Besuch des Justizministers sollte es sich nach Angaben der türkischen Regierungspartei AKP um einen Wahlkampfauftritt handeln, bei dem der Minister um Zustimmung für ein Präsidialsystem beim bevorstehenden Referendum in der Türkei werben wollte. Die Veranstaltung sei aber nicht aus politischen, sondern aus Sicherheitsgründen gestoppt worden, betonte der Gaggenauer Bürgermeister Michael Pfeiffer. Es sei zu befürchten, dass wegen des umstrittenen Wahlkampfauftritts von Bozdag mehr Menschen in die Stadt kämen als die Kulturhalle fassen könne.

Auch ein möglicher Auftritt des türkischen Wirtschaftsministers Nihat Zeybekcis wurde verhindert. Ein Sprecher der Stadt Köln bestätigte gegenüber der Zeitung „Rheinische Post“, dass man einen möglichen Auftritt des türkischen Wirtschaftsministers am kommenden Sonntag im Bezirksrathaus in Porz verhindert hätte. „Die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) hatte im August vergangenen Jahres eine Anfrage gestellt, eine Theaterveranstaltung an diesem Sonntag durchführen zu dürfen. Am Mittwoch teilte uns die UETD dann aber mit, sie wolle statt der Theaterveranstaltung eine Informationsveranstaltung zum Präsidialsystem in der Türkei machen. Dem haben wir als Stadt Köln nicht zugestimmt und mitgeteilt, dass der Saal dafür nicht zur Verfügung steht“, so der Sprecher.

Unklar ist, ob die Veranstalter vor Gericht ziehen, um den Beschluss rückgängig zu machen. Nach den Worten von Pfeiffer wird mindestens eine Hundertschaft der Polizei eingesetzt, um die Halle zu sichern, falls die Veranstaltung doch stattfinde, oder den Verkehr wegen erhöhtem Aufkommen umzuleiten.

An dem geplanten Auftritt Bozdags hatte es im Vorfeld schwere Kritik gegeben. Linken-Chef Bernd Riexinger sagte mit Blick auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan: „Der türkische Despot führt die Bundesregierung am Nasenring durch die Manege“. Bozdag wolle für Erdogans „Allmachtsfantasien“ auf Stimmenfang gehen. Die schwarz-grüne Landesregierung Baden-Württembergs solle den Auftritt verhindern. „Die Bundesregierung muss unmissverständlich klar machen, dass in Deutschland nicht Stimmung für die Einrichtung einer Diktatur gemacht werden darf.“ FDP-Chef Christian Lindner forderte auf Twitter gar einen Einreise-Stop um „Erdogans Kampagnen zu verhindern“.

Diese Probleme belasten die deutsch-türkischen Beziehungen
Armenien-Resolution
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Im Juni 2016 beschloss der Bundestag eine Resolution, die die Gräueltaten an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren als „Völkermord“ einstuft. Ankara zog daraufhin den türkischen Botschafter aus Berlin ab. Mit der Erklärung, die Resolution sei für sie nicht rechtsverbindlich, entschärfte die Bundesregierung den Streit.

Luftwaffenstützpunkt Incirlik
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Nach dem Bundestagsbeschluss zur Armenien-Resolution untersagten die türkischen Behörden einem Parlamentarischen Staatssekretär und mehreren Bundestagsabgeordneten den Besuch der Bundeswehrsoldaten auf der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik. Später gab die Türkei allerdings doch noch grünes Licht.

Militärputsch
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Die Türkei war lange darüber verärgert, dass sich nach dem gescheiterten Putsch von Teilen des Militärs Mitte 2016 zunächst keine Mitglieder der Bundesregierung blicken ließen. Als erster reiste Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Oktober 2016 nach Ankara. Der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) traf sich im November mit Staatschef Erdogan (Foto).

Böhmermann-Affäre
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Ende März 2016 trug der Satiriker und Moderator Jan Böhmermann auf ZDFneo eine umstrittene „Schmähkritik“ an Präsident Recep Tayyip Erdogan vor. Der klagte, um das Gedicht komplett verbieten zu lassen und erzielte einen Teilerfolg vor dem Hamburger Landgericht. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Flüchtlingspakt
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Ankara droht immer wieder damit, die Kooperation mit der EU in der Flüchtlingskrise aufzukündigen. Grund ist unter anderem die Forderung, die Türkei müsse Anti-Terror-Gesetze reformieren, um politischen Missbrauch zu verhindern. Im November 2016 forderte das EU-Parlament, die Beitrittsgespräche mit Ankara einzufrieren. Die EU erklärte darauf, die Gespräche würden vorerst nicht ausgeweitet.

Immunität
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Auf Betreiben Erdogans beschloss das türkische Parlament im Mai 2016, vielen Abgeordneten die Immunität zu entziehen. Betroffen ist vor allem die pro-kurdische HDP, ihr wirft Erdogan vor, für Terror verantwortlich zu sein. Die Festnahme wichtiger Oppositionspolitiker stößt in Berlin und Brüssel auf heftige Kritik.

Deniz Yücel
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Der deutsch-türkische „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel sitzt seit dem 27. Februar in der Türkei in Untersuchungshaft, zuvor war er knapp zwei Wochen in Polizeigewahrsam. Der türkische Präsident wirft ihm Spionage vor. Erdogan bezeichnet Yücel als „deutschen Agenten“. Die Bundesregierung fordert ein faires Verfahren für den Jounrnalisten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Vorabend die Freilassung Yücels gefordert und die Achtung der Pressefreiheit angemahnt. „Unabhängiger Journalismus muss existieren können, Journalisten müssen ihre Arbeit machen können“, sagte Merkel beim Politischen Aschermittwoch der CDU Mecklenburg-Vorpommern in Demmin. Die Bundesregierung werde alles in ihrer Macht stehende tun, um auf eine Freilassung Yücels hinzuwirken.

Trotz massiven Drucks auf die Türkei gab es aber keinerlei Anzeichen für ein Einlenken Ankaras. Yücel war am Mittwoch in das Gefängnis in Silivri rund 80 Kilometer westlich von Istanbul verlegt. Dort dürfte er seine weitere Untersuchungshaft verbringen, berichtete die Welt. Ihm werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Ein Haftrichter in Istanbul hatte am Montag Untersuchungshaft angeordnet. Diese kann bis zu fünf Jahre dauern. Yücel hat die deutsche und die türkische Staatsangehörigkeit.

  • kwi
  • dpa
  • rtr
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34 Kommentare zu "Streit um Auftritt von Bozdag: Deutscher Botschafter in Ankara einbestellt"

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  • @Herr Joachim Stock

    Wie Sie die gestrige Illner-Show werten, ist absolut zutreffend. Meine Beschreibung ist mit einem Wort erledigt – grauenhaft.

    Aber das ist die typische Ablenkungsstrategie der Gehirnwäscheanstalten des ÖR – von allem Unangenehmen ablenken, indem z. B. wegen diesem Yücel ein medialer Aufwand in Szene gesetzt wird, als ob wieder ein Terroranschlag bei uns erfolgt sei.

  • Wozu brauchen wir überhaupt eine Botschaft in der sich selbst abschaffenden Türkei? Lasst die Kümmeltürken ruhig weiter so machen, denn sie disqualifizieren sich täglich auf´s Schrecklichste ;-) Dummheit kennt eben keine Grenzen!

  • Jeder der sich hier aufregt und mit der beschr. Situation nicht einverstanden ist hat nur die Chance der Wahl im Sept. 17. Es muß dann aber auch gemacht werden. Die CDU unter Merkel muß weg. Die SPD mit Hr.Schulz sowieso. Illner gestern hat gereicht. Nur Problemwälzung der Themen eines anderen Landes. Mir reichts!
    Wir sollten uns um uns selbst kümmern. Dafür wird die Regierung in der Hauptsache bezahlt. Ich will meine Heimat nicht verlassen und für andere bezahlen.







  • @Herr J. Schwarz

    Der Emporkömmling in Ankara hat doch gar kein Drohpotential. Habe die Woche gelesen, dass angeblich der eine seiner Marionetten mit unserer Politelite über Wirtschaftshilfe verhandeln lässt.

    Aber mal davon abgesehen. Eine entschlossene Regierung bei uns könnte

    - mit der Abschaffung des Doppelpasses reagieren und

    - parallel für die Einreise von Türken grundsätzlich Visapflicht verhängen. Jeder Türke kann dann raus, aber nicht wieder rein.

    - Reiseverbot in die Türkei anordnen (ausgenommen für Türken).

    - den gesamten Zahlungsverkehr von uns in die Türkei unterbinden.

    Der Islamist würde wie bei Putin angekrochen kommen. Denn das ist die einzige Sprache, die der versteht.

    Nur – ich will gar nicht, dass der angekrochen kommt. Der soll bei seinen Islamisten bleiben. Und alle anderen gleicher Machart ebenso.

  • Mal gucken, wann das Feuer übergreift. Nur bedenken muss man, das es genügend Feuer um uns herum schon gibt.

    Der Osten und der Süden.

    Was bleibt ist dann in den Norden oder Westen auszuweichen.

    Zumindest von mir aus gesehen.

  • Erdogan möchte feststellen, wie weit er gehen kann und ob er unter Umständen mit seinen hier ansässigen Hörigen gleich in Deutschland durchregieren kann. Das ist so offensichtlich wie nur irgendwas. Man kann nur hoffen, dass unsere Kanzler-Schauspielerin das irgendwann, am besten sehr schnell endlich begreift und ihrerseits die notwendigen Maßnahmen veranlasst. Falls man Deutschland zu einem absoluten Auswanderungs- und Braindrain-Land machen möchte, so genügt es, weiterhin die SED-Blockparteien zu wählen. Eine (noch) relativ gemütliche DDR 2.0 haben wir ja bereits, wir können aber jederzeit auch reine Art Libanon oder sogar Irak daraus machen. Man muß nur wurschtig genug sein.

  • Das haben dem ungebildeten Josch, einst Steinewerfer und Hausbestzer und dem RAF-Anwalt Schily zu verdanken. Grüne bzw. EX.

    Wenn es denen nach gegangen wäre, hätten sie auch die BW abgeschafft und die Polizei entwaffnet.

    Wir sollten die vielleicht mal wieder wählen.

  • Absage Gaggenau und Köln. Dt. Botschafter muss beim Grossmogul Rapport erstatten.

    Auf eine Reaktion wird man nicht lange warten müssen. Vielleicht auch nicht in Gaggenau und Köln.




  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Endlich, diese Veranstaltungen türkischer Politiker haben hier bei uns nichts zu suchen!
    Was bilden sich diese Leute eigentlich ein?!

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