Streit um Familienpolitik: Die Irrtümer des Bischofs Mixa

Streit um Familienpolitik
Die Irrtümer des Bischofs Mixa

Die wortgewaltige Kritik des Augsburger Bischofs Walter Mixa an Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) steht auf tönernen Füßen: Um seine Vorwürfe zu untermauern, hatte der Geistliche auf die vermeintlich desaströse Kinderbetreuungspolitik der DDR verwiesen. Doch die Statistik und Experten widerlegen ihn.

DÜSSELDORF. Mixa hatte in seiner » Erklärung vom Donnerstag geschrieben, die Denkmuster des Familienministeriums erinnerten in beklemmender Weise an die Ideologie der staatlichen Fremdbetreuung von Kindern in der untergegangenen DDR. Die DDR habe die höchste Dichte an Kindertagesstätten und zugleich die niedrigste Geburtenrate in Europa aufgewiesen.

Mixa bezog sich mit seiner Kritik auf Vorschläge der Familienministerin von der Leyen, die die Zahl der Krippenplätze zur Förderung berufstätiger Mütter massiv erhöhen will. Mixa, der zugleich katholischer deutscher Militärbischof ist, bezeichnete die Pläne als „kinderfeindlich und ideologisch verblendet“. Sie degradierten die Frau zur „Gebärmaschine“.

Doch dem Bischof und seinen Mitarbeitern ist bei diesem Reizthema einiges durcheinander geraten: Die Behauptung, die DDR habe bei den Geburtenraten die rote Laterne in Europa inne, entpuppt sich nach nur wenigen Tastatur- und Mausklicks als falsch. So heißt es im Aufsatz » „Bevölkerungsentwicklung in Ostdeutschland“ des Demografieforschers Steffen Kroehnert vom privaten Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: „Die Gesamtfertilität (TFR) war in der DDR mit durchschnittlich 1,6 Kindern je Frau (1989) noch deutlich höher als in der Bundesrepublik (1,3).“

Europa-Schlusslicht war die DDR im letzten Jahr ihrer kompletten Existenz also nicht. Doch es kommt noch ärger: Dem » „Zukunftsradar 2030“, einer Studie der Mainzer Denkfabrik Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz, ist zu entnehmen, dass sie es schon seit Mitte der 60-er Jahre nicht gewesen sein kann: Seitdem lag die Geburtenrate im Osten Deutschlands stets höher als im Westen - bis eben 1989. Welcher Staat vor der Wiedervereinigung tatsächlich die niedrigste Geburtenrate hatte: „Westdeutschland“, sagt trocken die Demografie-Professorin Michaela Kreyenfeld, die an der Universität Rostock lehrt und am dortigen Max-Planck-Institut für Demografie forscht.

Doch damit nicht genug: Auch der Zusammenhang, den der Bischof zwischen der aufwändigen Kinderbetreuung in der DDR und ihrer vermeintlich niedrigen Geburtenrate konstruierte, ist nicht der vom Geistlichen gewünschte. Die Betreuungsangebote führten nicht zum Rückgang, sondern zum Anstieg der Geburtenrate, wenn man den Experten Glauben schenkt. Im „Zukunftsradar“ heißt es dazu: „Durch familienpolitische Maßnahmen konnte die ehemalige DDR dem Absinken der Geburtenrate ab 1970 entgegenwirken ...“

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